Als Epyllion wird eine Form der Dichtung bezeichnet, die in der griechischen Antike, aber vor allem im Hellenismus (336 v. Chr. – 30 v. Chr.) verbreitet war und somit charakteristisch für die alexandrinische Literatur ist, aber durchaus auch in der römischen Poesie eine Rolle spielte, wie etwa bei den Neoterikern. Im Gegensatz zum Epos, das ausschweifende, dichterische Erzählungen meinte, kann das Epyllion als Kleinform betrachtet werden, das in kürzeren Episoden in Versform um mythische, erotische oder historische Inhalte kreist. Ein solches Epyllion konnte dabei zwischen 100 bis 800 Verse umfassen und war zumeist in Hexametern oder auch Distichen – einem Verspaar aus Hexameter und Pentameter verfasst. Diese Kleinform stand dem großen heroischen Epos gegenüber, das als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurde. Dennoch wurden teils Wendungen der epischen Sprache verwendet, was entweder auf die Überwindung des Epos verweisen oder als Form der Parodie der Großform gelten kann. Das Epyllion wurde vor allem durch den Dichter Kallimachos populär.

Der Begriff geht auf das Altgriechische zurück und lässt sich in etwa mit kleines Epos übersetzen. Folglich handelt es sich hierbei um den Diminutiv des Nomens ἔπος, was in etwa Wort oder Vers bedeutet. Somit könnte das Epyllion sinngemäß als Wörtchen gedeutet werden, was auf die eigentliche Bedeutung verweist.

Es geht hierbei nämlich um eine Kurzform der Dichtung, welche in der hellenistischen Zeit oder auch der alexandrinischen Literatur als zeitgemäßer empfunden wurde, als die umfangreichen Erzählungen, wie sie etwa Homer, einer der bedeutendsten Dichter der Antike, verfasste (bspw. Ilias). Ein Beispiel von Catull:


haec vestis priscis hominum variata figuris
heroum mira virtutes indicat arte.
namque fluentisono prospectans litore Diae,
Thesea cedentem celeri cum classe tuetur
indomitos in corde gerens Ariadna furores

Das obige Beispiel zeigt die Verszeilen 50 – 54 aus dem Gedicht Nr. 64 von Catull, einem römischen Dichter des 1. Jahrhunderts v. Chr. Dabei lässt sich sehr schön erkennen, dass die neue Gattung sich streng am Hexameter orientierte, aber eben auch die Kürze des Epyllion, da das ganze Werk lediglich knapp über zweihundert Verse umfasst, also im Gegensatz zum Epos kurz erscheint (siehe Volltext: users.wfu.edu).

Inhaltlich kreist Catulls Werk um die Figuren Theseus und Ariadne sowie den Minotaurus. Vielmehr erzählt der Dichter, was nach dem Tod des Minotaurus und der erfolgreichen Flucht von Theuseus und Ariadne geschah. Die ursprüngliche Geschichte endet mit einem verliebten Pärchen, Catull zeigt in seinem Werk nun auf, dass Theseus die Angebete nach einer stürmischen Liebesnacht verlassen hat (mehr dazu: Mythos).

Vertreter und Beispiele

  • Griechisch / Hellenistisch
    • Philitas: Hermes
    • Alexander Aetolus: Fischer
    • unbekannt (vgl. Adespota): Froschmäusekrieg
    • Kallimachos: Hekale
    • Theocritus: Gedichte Nr. 13, 22, 24, [25]
    • Eratosthenes: Hermes (umstritten)
    • Moschus: Europa
  • Römisch / Latein
    • Cinna: Zmyrna
    • Calvus: Io
    • Catull: Gedicht Nr. 64 – Die Hochzeit des Peleus und der Thetis
    • Vergil zugeschrieben: Ciris
    • Vergil: Aeneis 9.182–234 – Nisus und Euryalus
    • Ovid: Metamorphosen 8.611–724: Philemon und Baucis
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Epyllion
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001