Eines der auffälligsten Merkmale in einem Gedicht ist die Anordnung in Verse. Diese Verszeilen können an ganz unterschiedlichen Stellen unterbrochen werden. Der Hakenstil ist eine Art und Weise diesen Zeilenumbruch zu gestalten. Fallen in einer Strophe die Satz- und Versenden zusammen, spricht man von einem Zeilenstil, tun sie das nicht, von einem Hakenstil.

Ursprünglich bezieht sich der Begriff auf ein Stilmittel in der germanischen Stabreimdichtung. Hierbei endet eine Sinneinheit in der Versmitte der Langzeile und wird erst in der folgenden Langzeile vervollständig. Der Vers erhält also einen über dessen Ende „hinaushakenden“ Satz- oder eben Sinnzusammenhang.

a
b
b
a
Die große Fracht des Sommers ist verladen,
das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
Die große Fracht des Sommers ist verladen.

Diese Versezeilen stammen aus dem Gedicht Die große Fracht von Ingeborg Bachmann. Wenn wir diese Verszeilen nun stückweise lesen, sehen wir, dass jeder Vers auch einenen Satz und Sinnabschnitt bildet. Prinzipiell könnte auch jede Zeile für sich allein stehen und wäre für den Leser zu erschließen.

Das bedeutet, dass wir es mit dem Zeilenstil zu tun haben, da die Verse nicht „verhakt“ sind, sondern die Satz- und Versenden zusammenfallen. Das lässt sich übrigens sehr schön daran erkennen, dass alle Zeilen mit einem Satzzeichen enden (eine Konjunktion ginge auch).
a
b
c
d
Mitunter tut sich
der Himmel auf
zeigt sein Geheimnis
im Spiegel der Erde

Die vier Verse wurden Ulla Hahns Werk Schöne Landschaft entnommen, das die Zerstörung der Erde durch den Menschen thematisiert. Diese Zeilen bilden keine eigenständigen Sätze und auch keine wirklichen Sinnabschnitte. Vielmehr haben wir es mit einem Satz zu tun, der über mehrere Verse geht.

Das bedeutet, dass der Hakenstil ganz eindeutig hervortritt. Die Verse gehen also ineinander über und Versende und Satzende fallen im Gedicht nicht unmittelbar zusammen.
Verdeutlichung des Hakens im Text

Verdeutlichung des Hakenstil anhand eines Beispiels

Im Bild wurden die möglichen Sätze des Gedichtes mithilfe von Farben miteinander verbunden. Durch diese Art der Visualisierung sollte die Hakenform ins Auge stechen und ersichtlich werden, warum die lyrische Stilfigur diesen Namen trägt und inwiefern die Elemente „verhakt“ erscheinen.

Hakenstil und Zeilenstil bestimmen

Ein häufiger Fehler ist es, umgehend von einem Hakenstil oder eben Zeilenstil zu sprechen, wenn wir die beschriebenen Merkmale einmalig in einem Gedicht ausmachen können.

Wenn wir von einem Stil sprechen und einen Text in diese oder jene Sparte schieben möchten, muss sich die Auffälligkeit durch viele, vielleicht sogar alle Strophen, des jeweiligen Textes ziehen. Das heißt, dass wir einen Text, der durch einige Zeilenumbrüche gekennzeichnet ist, eher mit dem entsprechenden Stilmittel beschreiben sollten (→ Enjambement) und nicht gleich als durchgängigen Hakenstil.

Wirkung und Funktion des Hakenstils

  • Das bekannte Lesemuster in einem Gedicht wird durch den Einsatz von Zeilenumbrüchen verändert. Der Leser betont es anders und „stolpert“ vielleicht über einzelne Bausteine.
  • Dieser Umstand kann mitunter auch das Vortragen eines Werkes verändern, da wir nicht in das gewohnte Muster (Singsang) des Versmaßes verfallen und den Text „flüssiger“ vortragen.

Hinweis: Es sollte ersichtlich werden, dass es kein Problem ist, vom Hakenstil zu sprechen, wenn wir es nicht mit der germanischen Stabreimdichtung zu tun haben. Der Begriff kann genutzt werden, wenn ein lyrischer Text durch zahlreiche Enjambements (Zeilenumbrüche) gekennzeichnet ist.

Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Hakenstil
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001