Die Kadenz beschreibt das Ende eines Verses innerhalb eines Gedichts. Die Kadenz kann den Rhythmus und die Wirkung eines Werkes, sowie maßgeblich unsere Lesart beeinflussen. Wir unterscheiden dabei grundsätzlich zwischen drei verschiedenen Kadenzen: der männlichen, weiblichen und reichen Kadenz.


Eine Kadenz sagt aus, wie viele Silben nach der letzten betonten Silbe in einem Vers vorhanden sind. Dabei wird häufig der Fehler gemacht, einfach zu prüfen, ob die letzte Silbe in einem Vers betont oder unbetont ist, um so zwischen männlicher und weiblicher Kadenz zu unterscheiden. Diese Methode ist jedoch nicht ganz korrekt und kann für jede Menge Verwirrung sorgen.

Übersicht der Kadenzen

  • männliche Kadenz (stumpfe Kadenz): Diese meint, dass ein Vers auf eine betonte Silbe endet.
  • weibliche Kadenz: Diese Form meint, dass der Vers auf eine unbetonte Silbe endet.
  • reiche Kadenz: In diesem Fall endet der Vers auf mehrere unbetonte Silben. Hier besteht Verwechlungsgefahr zur vorherigen Kadenz.

  • Wichtig: Die Unterscheidung der letztgenannten Varianten birgt häufig zahlreiche Fehler. Lesen Sie unbedingt den nachfolgenden Abschnitt, um das Ganze zielsicher bestimmen zu können.

Hinweis: Das Wort Kadenz leitet sich übrigens vom Lateinischen „cadere“ ab, was in etwa „fallen“ oder „stürzen“ bedeutet. Sie beschreibt folglich, wie ein Vers „abfällt“, also endet.

Die Kadenz erkennen

Um das nachvollziehen zu können, möchten wir einmal auf ein Beispiel aus der Lyrik blicken und nach der letzten betonten Silbe schauen, um die Kadenz zu ermitteln. Als Beispiel soll „Am grauen Strand, am grauen Meer“ von Theodor Storm gelten.


Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;

Die ersten beiden Zeilen sind jambische Verse (→ Jambus), was wir daran erkennen, dass sich stets unbetonte und betonte Silben abwechseln. Die letzte betonte Silbe ist im ersten Vers das Substantiv Meer und im zweiten das Wort Stadt. Danach folgen keine weiteren Silben mehr, die Kadenz ist also männlich.

  • männliche Kadenz: Nach der letzten betonten Silbe in einem Vers folgt keine weitere Silbe mehr. Anders ausgedrückt, endet der Vers auf eine betonte Silbe.

Um nun die weibliche Kadenz zu verdeutlichen, können wir einmal auf einen Vers aus Schillers berühmter „Ode an die Freude“ schauen. Denn gleich zu Anfang heißt es dort:


Freude, schöner Götterfunken

Das Versmaß dieser Verszeile ist eindeutig trochäisch (→ Trochäus). Das erkennen wir daran, dass sich immer betonte und unbetonte Silben abwechseln. Folglich ist das Ganze eine Art Gegenstück zur obigen Struktur in Storms Gedicht.

Schauen wir nun, welches die letzte betonte Silbe in der Zeile ist, fällt auf, dass es fun ist und danach noch die Silbe ken kommt, die allerdings unbetont bleibt. Das bedeutet, dass nach der letzten betonte Silbe eine weitere folgt und sich die Kadenz im Vergleich zum vorherigen Auszug anders verhält.

  • weibliche Kadenz: Nach der letzten betonten Silbe in einem Vers folgt eine unbetonte Silbe. Anders ausgedrückt, endet der Vers auf eine(!) unbetonte Silbe.

Das Problem ist nun, dass man sich die Kadenzen aufgrund dieser Beobachtungen sehr schnell einprägen kann und daraufhin den letzten Typus nicht erkennt: die reiche Kadenz.

Die reiche Kadenz kann nämlich sehr schnell untergehen, wenn wir nur nach unbetonten und betonten Versenden Ausschau halten. Deshalb ist es wichtig, dass es eben nicht nur um die letzte Silbe geht, sondern darum, wie viele Silben auf die letzte Betonung folgen.

Um das zu verdeutlichen, schauen wir einfach auf einen kleinen, fiktiven Zweizeiler, der die Sonderform der Kadenz recht gut veranschaulicht.


Ich geh‘ mit
Stock und Stab

Diese beiden Verse folgen dem Muster des Daktylus, auf die erste Silbe, die betont wird, folgen also zwei unbetonte. Das bedeutet, dass die letzte betonte Silbe in der ersten Verszeile das Wort Ich ist und in der zweiten Verszeile das Wort Stock. In beiden Fällen folgen noch zwei unbetonte Silben.

  • reiche Kadenz: Nach der letzten betonten Silbe in einem Vers folgen mehrere unbetonte Silben. Anders ausgedrückt, endet der Vers zwar auch auf eine unbetonte Silbe, doch im Unterschied zur weiblichen Kadenz, sind es mehrere(!), die den Abschluss bilden.

Funktion und Wirkung der Kadenz

Natürlich haben solche Kadenzen am Ende eines Verses auch eine Funktion und zwar nicht nur, dass sie gewissermaßen den Rhythmus innerhalb eines Gedichts beeinflussen. Vielmehr kann die Kadenz unsere Lesart beeinflussen, da sie unsere Lesart für den Zeilenumbruch bestimmt.

Schauen wir dafür einmal auf das Abendlied von Matthias Claudius. Das Gedicht sollte den meisten Menschen noch aus der Kindheit vertraut sein.

1
2
3
4
5
6
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Diese erste Strophe des Gedichts weist durchgehend ein jambisches Versmaß auf (3hebiger Jambus in jeder Zeile) und hat wechselnde Kadenzen. So finden wir in Verszeile 1, 2, 4 und 5 weibliche Kadenzen und in Zeile 3 und 6 männliche Kadenzen. Schauen wir nun auf die Funktion des Ganzen.

Das Werk ist durchgängig nach dem jambischen Versmaß strukturiert. Wer nun allerdings genau hinschaut, sieht, dass der Vollständigkeit halber in Vers 1,2,4 und 5 die letzte Silbe fehlt.

Drücken wir uns einmal „unwissenschaftlich“ aus, könnten wir behaupten, dass es 3 1/2 Jamben sind. (korrekterweise müssten wir das Ganze als katalektischen Vers bezeichnen, was bedeutet, dass der letzte Versfuß „unvollzählig“ ist → Vers).

Der Effekt ist allerdings, dass wir beim Lesen in eine Art Singsang verfallen, was für viele Kinderlieder oder auch Abzählreime typisch ist (→ Kinderreime). Dieses Auf und Ab wird durch die Positionierung der männlichen und weiblichen Kadenzen stark unterstützt.

Männliche Kadenzen provozieren nämlich für gewohnlich eine längere Pause beim Zeilenumbruch. Im Abendlied also beim Wechsel von Zeile 3 auf 4. Im Gegensatz dazu ist die Pause meist verkürzt, wenn eine weibliche Kadenz die Zeile beendet. Diese Pause wird vor allem dann deutlich, wenn wir das Gedicht einmal laut und deutlich sprechen (singen).

Claudius nutzt diese Wirkung der Kadenzen insofern, als dass er die männlichen Kadenzen ans Ende von Sinnabschnitten innerhalb der Strophe gestellt hat. Dadurch bilden die Elemente aus Vers 1, 2 und 3 eine Einheit und Vers 4,5 und 6 ebenso. Das macht auch vom Inhalt her Sinn.