Als lyrisches Ich wird der Sprecher eines Gedichts bezeichnet. Demzufolge taucht das lyrische Ich nur in der Lyrik auf, wobei die literarischen Gattung der Epik von einem Erzähler gezeigt wird. Wichtig ist, dass wir das lyrische Ich klar vom Autor des Textes unterscheiden. Zwar ist der Autor der Urheber, aber nicht die Instanz, die im Gedicht spricht und sich dem Leser offenbart (vgl. Gedichtanalyse).

Demzufolge ist das lyrische Ich eher die fiktive Stimme oder der nicht-existente Sprecher des Werkes. Der Begriff wurde übrigens 1910 von der Dichterin Margarete Susman eingebracht, um eine deutlichere Trennung zwischen Autor und sprechender Instanz im Werk zu schaffen. Vorher war es durchaus üblich, die beiden Instanzen miteinander gleichzusetzen und den Inhalt eines Textes auf den Schöpfer umzulegen.

Zwar kann der Versuch unternommen werden, den Dichter mit dem Inhalt eines Gedichts zu verbinden und mitunter finden sich auch Texte, die einen Verweis auf den Autor ermöglichen, doch in der Regel scheitern solche Überlegungen und sind auch nicht wirklich zielführend. Prinzipiell sollte das lyrische Ich demnach getrennt vom Autor betrachtet werden. Schauen wir dafür auf ein Beispiel von Joseph von Eichendorff.


Ich wollt in Liedern oft dich preisen,
Die wunderstille Güte,
Wie du ein halbverwildertes Gemüte
Dir liebend hegst und heilst auf tausend süße Weisen,
Des Mannes Unruh und verworrnem Leben
Durch Tränen lächelnd bis zum Tod ergeben.

Doch wie den Blick ich dichtend wende,
So schön still in stillem Harme
Sitzt du vor
mir, das Kindlein auf dem Arme,
Im blauen Auge Treu und Frieden ohne Ende,
Und alles laß
ich, wenn ich dich so schaue –
Ach, wen Gott lieb hat, gab er solche Fraue!


Das Gedicht An Luise aus der Feder Eichendorffs macht es uns einfach, das lyrische Ich aufzuspüren. Vier Mal findet sich das Personalpronomen Ich und ein Mal taucht ein mir auf. Ganz deutlich lässt sich also erkennen, dass hier jemand, in diesem Fall ein Ich, spricht, also das Gedicht gewissermaßen erzählt.

Sollten wir nun aber den Versuch unternehmen, Eichendorff und lyrisches Ich gleichzusetzen, wird es sehr heikel. Zwar könnten wir seine Biographie nach einer Luise durchforsten, doch schon das Werk verweist darauf, dass die Idee nicht aufgehen würde, wenn wir den Inhalt einmal genauer betrachten.

Im ersten Vers der ersten Strophe findet sich der Vermerk, dass hier jemand Luise in Liedern preisen wollte, doch als dieser jemand anfängt und mit dem Dichten beginnt (siebenter Vers), wird das Vorhaben wieder aufgegeben (elfter Vers). Demzufolge beschreibt das lyrische Ich, dass es nicht in der Lage ist, wenn es die Frau mit dem Kindlein betrachtet, ihre wunderstille Güte zu preisen.

Das bedeutet aber auch, dass Eichendorff selbst nicht das lyrische Ich sein kann. Wäre es nämlich so, könnten wir den Text überhaupt nicht lesen, da er, weil es das Ich bekanntlich nicht kann, in keinem Fall geschrieben worden wäre. Demzufolge können die beiden Instanzen auch nicht gleichgesetzt werden.

Hinweis: Heutzutage wird der Begriff meist gebraucht, um die Sprechinstanz respektive den Sprecher bei einer Gedichtanalyse zu benennen und somit zu verdeutlichen, dass das Sprechende im Gedicht gemeint ist. Somit hat der Begriff keine Wertung oder übergeordnete Merkmale und Funktionen, die einheitlich erfüllt werden müssten. Schauen wir zur Verdeutlichung auf ein weiteres Beispiel.

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab
ich vernommen!

Das Gedicht trägt den Titel Er ist’s und wurde von Eduard Mörike (1804-1875) verfasst, einem deutschen Dichter und Pfarrer, der vornehmlich im Biedermeier wirkte (→ Literaturepochen). Dieses Werk macht es uns nicht ganz so leicht, den Sprechenden zu erkennen. Dennoch findet sich im letzten Vers ein Ich, das sich somit als Stimme des Gedichts zu erkennen gibt.

Demzufolge charakterisiert die Stimme den kommenden Frühling, dessen wohlbekannte Düfte ahnungsvoll das Land streifen. Diese Personifikation des Frühlings ist dabei nicht dem Autor, also Mörike, sondern dem lyrischen Ich zuzuschreiben. Im dramatischen oder epischen Text gäbe es eine Figur oder einen Erzähler, der etwas anderes personifizieren könnte. In der Lyrik haben wir allerdings kein erzählendes Subjekt, sondern nur die Stimme aus dem Nichts: das lyrische Ich.

Die bisherigen Beispiele waren recht eindeutig. Immer fand sich ein Ich, was auf die Existenz einer erzählenden Stimme verwies. Allerdings geht es auch ein wenig komplizierter, nämlich dann, wenn das lyrische Ich nicht ganz so eindeutig vorliegt und wir es tatsächlich nur mit einer Stimme zu tun haben.


Süßer Mai, du Quell des Lebens
bist so süßer Blumen voll
Liebe sucht auch nicht vergebens
wem sie Kränze winden soll…

Das obige Beispiel ist eine Strophe von Clemens Brentano, einem deutschen Dichter und Vertreter der Heidelberger Romantik. Zwar folgen dieser Strophe noch weitere, aber für unsere Betrachtung reicht sie vollkommen aus. Hierbei fällt nämlich auf, dass kein Personalpronomen auf ein Ich oder eine Person verweist. Dennoch gibt es eine Stimme im Text.

Diese Stimme wendet sich hier an den süßen Mai, spricht ihn gewissermaßen an (→ Apostrophe) und beschreibt ihn im zweiten Vers. Entscheidend ist nun, dass wir auch hierbei vom lyrischen Ich sprechen würden, auch wenn keine Ichform im Werk zu erkennen ist: vielmehr geht es also um die Stimme des Gedichts, wenn wir ein lyrisches Ich bezeichnen. Dieses muss sich aber nicht eindeutig zeigen.

Wichtig: Ein lyrisches Ich muss also nicht immer in der Ichform präsent sein. Es ist durchaus möglich, dass wir es als einen Beobachter erkennen können. Nehmen wir an, dass das lyrische Ich auch eine neutrale Stimme sein kann, die das Gedicht erzählt, hat auch jedes Gedicht ein lyrisches Ich.

Das lyrisches Ich im Verhältnis zum Autor und Gedicht

Probleme des lyrischen Ichs

Grundsätzlich wurde gezeigt, dass wir auch von einem lyrischen Ich sprechen, wenn es nicht in der Ichform präsent ist. Dann kann es als neutraler Beobachter auftreten oder die Stimme sein, die uns einen Blick auf eine Situation ermöglicht. Dennoch gibt es Probleme mit dem Begriff.

Problematisch ist, dass der Begriff erst im zwanzigsten Jahrhundert aufkam, als ihn die Dichterin Margarete Susman einführte, um den Autor vom Gedicht zu trennen. Das bedeutet aber auch, dass alle Werke, die davor geschrieben wurden, nicht unbedingt dem Begriff verpflichtet sind und wir, wenn ein lyrisches Ich angenommen wird, mitunter die Aussage eines Gedichts verfehlen.

Das liegt darin begründet, dass das lyrische Ich vor allem auf das Verständnis und die Auseinandersetzung mit Erlebnislyrik ausgerichtet ist. Die Erlebnislyrik, die im Sturm und Drang entstand, zielt darauf ab, Eindrücke unvermittelt darzustellen und den Leser hautnah am Erlebten teilhaben zu lassen.

Nun gibt es allerdings Gedichte, vor allem vor und nach dem Hoch der Erlebnislyrik, die sich eindeutig als lyrische Texte erkennen lassen, aber keine unmittelbare Aussprache des lyrischen Ichs darstellen. Das gilt vor allem für Gelegenheitsgedichte oder Gedankenlyrik, aber auch die moderner Lyrik, die nicht immer das Ziel haben, eine Aussageabsicht zu erzielen und somit kein eindeutiges lyrisches Ich verwenden.

Hinweis: So eine Differenzierung ist allerdings nicht immer zielführend. Vor allem Schüler können im Deutschunterricht meist darauf verweisen, dass das lyrische Ich entweder klar erkennbar ist (ich, mir, mein usw.) oder eben als neutraler Beobachter oder fiktive Stimme den Inhalt kommuniziert.

  • Explizites lyrisches Ich: Das Wort Ich oder ein anderes Personalpronomen, das auf ein Ich schließen lässt, wird tatsächlich im Gedicht verwendet.
  • Implizites lyrisches Ich: Es taucht kein Personalpronomen auf, doch durch die subjektive Beschreibung eines Sachverhalts wird ersichtlich, dass eine Stimme im Werk vorhanden ist.

Wie kann ein lyrisches Ich sein?

Wenn wir im Zuge einer Gedichtanalyse das lyrisches Ich in einem Werk beschreiben möchten, gibt es diverse Möglichkeiten, dies zu tun. Wir können nämlich beschreiben, wie sich das lyrische Ich im Text verhält oder die Sache schildert und daraus Rückschlüsse ziehen.

  • Wird ein Erlebnis oder eine bestimmte Sache zur Sprache gebracht? Wenn ja, wie?
  • Wie spricht das lyrische Ich davon? Hat es Angst? Ist es glücklich, dankbar, zufrieden, traurig usw.?
  • Drückt es Wertvorstellungen der Zeit aus oder stellt es sich diesen entgegen?
  • Spricht es für eine bestimmte Gruppe, eine Weltanschauung oder ist es allein?
  • Will es den Leser ansprechen oder aktivieren? Wirkt es manipulativ?
  • Spricht es ironisch, sarkastisch oder sind die Aussagen ernst gemeint?
  • Ist es ein verschlossenes lyrisches Ich oder öffnet es sich dem Leser?
  • Ist die gewählte Sprache sachlich, schlicht, erlesen oder sogar gestelzt?
Das Wichtigste in der Kurzübersicht

  • Als lyrisches Ich wird die Stimme eines Gedichts bezeichnet. Diese Stimme ist es, die dem Leser das Gedicht offenlegt und es ihm gewissermaßen zeigt. Es kann allerdings vorkommen, dass diese Stimme nicht eindeutig hervortritt.
  • Diese Stimme wird als explizites lyrisches Ich bezeichnet, wenn das Wort Ich im Werk vorkommt. Verhält es sich allerdings so, dass wir nur durch die Art und Weise der Schilderung darauf schließen können, dass ein lyrisches Ich zu uns spricht, wird es als implizit bezeichnet.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Lyrisches Ich
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001