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Mythos

Der Mythos ist eine anonyme, zuerst mündliche Überlieferung, welche von Göttern, Dämonen, Heroen und Begebenheiten der Vorzeit und vornehmlich der Erschaffung des Menschen oder der Welt erzählt. Solche Mythen lassen sich in allen Kulturen nachweisen, wobei sie eine Möglichkeit der Menschheit sind, ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck zu bringen. Der Mythos ist somit eine Form der (religiösen) Weltdeutung und gibt Antworten auf die Urgeschichte der Menschheit. Die Gesamtheit aller Mythen eines Volkes oder einer Kultur ist deren Mythologie. Mythen haben dabei stets einen Wahrheitsanspruch, erheben also den Anspruch, wahr zu sein. Ähnlich sind Sage und Legende.

Begriff

Der Begriff leitet sich vom altgriechischen μῦθος ab, welches sich mit Erzählung, Rede, Wort, Laut oder auch sagenhafte Geschichte (vgl. Mär) übersetzen lässt. Aus diesem Nomen leitet sich auch das lateinische mythus ab, welches gleichbedeutend ist. Demnach gibt bereits die Übersetzung eindeutige Hinweise, worum es beim Begriff geht: nämlich um eine (sagenhafte) Erzählung, die mündlich weitergegeben wurde [mit der Menschen sowie Kulturen ihr Weltverständnis zum Ausdruck bringen]. Eine einheitliche Definition ist jedoch schwierig.

Das liegt darin begründet, dass der Begriff in den vergangenen Jahrhunderten auf ganz verschiedene Arten verwendet wurde und sich aufgrund der unterschiedlichen Inhalte in den einzelnen Kulturen und Völkern nur schwer fassen lässt. Befragt man unterschiedliche Lexika definieren diese den Mythos nicht einheitlich und geben verschiedene, sich teils widersprechende, Auskünfte zu diesem Begriff.

Dennoch gibt es einige Merkmale, die in den meisten Fällen identisch sind und einige Hinweise, die auf die unterschiedlichen Mythen zutreffen sowie weiterhin Beispiele, welche die verschiedenen Ausformungen des Begriffs greifbar machen sowie einzelne Oberbegriffe für die diversen Ausprägungen des Mythos.

Übersicht: Merkmale des Mythos

  • Der Mythos ist eine Erzählung, welche in unterschiedlichen anonymen Varianten überliefert und vorerst mündlich weitergegeben wurde. Er gibt Antworten zum Selbst- und Weltverständnis der Kulturen und Menschen. Er ist demnach eine religiös gefärbte Darstellung von Vorgängen aus Natur- und Weltleben, wobei diese mit dem menschlichen Tun verknüpft werden. Die Mythen können die Welt um uns herum erklären und sind demzufolge als kindliche, also anfängliche, Philosophien der Menschen zu werten. Die Gesamtheit kultureller Mythen ist die Mythologie.
  • Mythen erklären also in irgendeiner Art die Welt und bestehen zu großen Teilen aus Götter- und Heldensagen. Vor allem ist uns heutzutage die griechische oder römische Mythologie vertraut. Hierbei werden Sachverhalte sowie Zusammenhänge durch Götter, Helden oder Fabelwesen erklärt, wie beispielsweise die Erschaffung der Welt oder das Leben nach dem Tod.
  • Im Kern gilt der Mythos stets als wahr, da er zumeist versucht, eine tatsächliche Begebenheit zu erklären. Ganz ähnlich ist es auch bei den Erzählformen Sage, Legende, Fabel sowie Märchen. Allerdings gelten Mythen darüber hinaus als sinnstiftend. Das bedeutet, dass sie so gestaltet sind, dass sie (Ereignissen oder Dingen) einen Sinn (er-)geben.
  • Im Mythos herrscht eine anschauliche, also bildhafte Sprache vor, welche für die meisten leicht verständlich ist, wobei er ein frühzeitliches Ereignis schildert, das einen Sachverhalt aus der heutigen Zeit erklärt oder zumindest Hinweise zu dessen Hintergründen liefert.
  • Mythen können häufig als praktische Anleitungen verstanden werden, um eine Sicht auf die Welt zu erlangen. Da der Mythos nicht nur einzelne Punkte herausgreift, sondern ein umfassendes Weltbild vermittelt, kann er eine Form des ganzheitlichen Welterkennens darstellen.
  • Den meisten Mythen ist eine strenge Zeiteinteilung zu eigen. So gibt es zumeist einen Anfang – also einen Punkt, der als Ursprung der Entstehung zu betrachten ist und weitere Eckpunkte, wodurch sich die einzelnen Geschichten des Mythos auf einem Zeitstrahl sortieren lassen. Beispielsweise steht in der Griechischen Mythologie am Anfang das Chaos.
  • Wiederkehrende Abläufe in der Natur – Jahreszeiten, Sonnenauf-, Sonnenuntergang, Gezeiten – oder der menschlichen Welt (bspw. Tod, Geburt) werden im Mythos oftmals durch göttliches Eingreifen erklärt. Gleiches gilt für Wetterphänomene oder Naturkatastrophen.
  • In der Frühzeit waren Mythen eng mit Kult sowie Ritual verwoben. Das bedeutet, dass sich aus dem Mythos bestimmte Riten, Bräuche und Traditionen ableiteten, welche durch Feste gefeiert oder durch Opfergaben und Ähnliches zelebriert wurden. Folglich wurden Mythen durch einen ausgewählten Personenkreis wie Priester, Sänger oder Älteste mündlich weitergegeben.

Beispiel: Theseus und der Minotaurus

Der Mythos am Beispiel von Theuseus und Monitaurus erklärt.
Um das Geschriebene anhand eines Beispiels zu verdeutlichen, soll nachfolgend ein Mythos aus der griechischen Mythologie vorgestellt werden: der Mythos um Theseus und den menschenfressenden Minotaurus sowie König Minos, die eng mit dem antiken Ort Knossos auf Kreta verbunden ist.


Knossos war ein antiker Ort auf der griechischen Insel Kreta. Bekannt ist er vor allem für den Palast von Knossos, einem der größten Paläste auf der Insel, der außerdem zum Kulturerbe erklärt wurde. Der Palast ist verwinkelt, was vermutlich für den nachfolgenden Mythos um den Minotaurus eine entscheidende Rolle spielt.

Laut Homer, einem der ersten großen Dichter des Abendlandes, herrschte um 1600 v. Chr. König Minos über Knossos. Minos war ein Sohn des Göttervaters Zeus und der Europa. Er war der Gemahl der Pasiphae und Vater der Ariadne und des Androgeos. Eines Tages schenkte Poseidon dem König einen herrlichen weißen Stier, den dieser Zeus opfern sollte. Der schöne Stier gefiel dem König aber so gut, dass er ihn behielt.

Zeus, der Minos dafür bestrafte, belegte seine Frau, Pasiphae, mit einem Fluch, der in ihr ein Verlangen nach dem Stier entfachte. Daraufhin bat Pasiphae ihren Baumeister Daidalos darum, ihr ein hözernes Kuhkostüm zu bauen, um sich mit dem Stier zu vereinigen. Der kretische Stier schwängerte die Gattin des König Minos‘, woraufhin sie einen menschenfressenden Stiermenschen, den Minotaurus, gebar.

Minos, der außer sich vor Wut über den Fehltritt seiner Frau war, wollte den Minotaurus töten, ließ sich aber von seiner Tochter Ariadne überzeugen, diesen am Leben zu lassen. Allerdings suchte er nun auch Daidalos auf, um ihn zu beauftragen, ein Labyrinth zu konstruieren, um den Stier auf alle Zeit zu verbannen.

Kurze Zeit später verstarb der Sohn des Minos‘, Androgeos, was der König zum Anlass nahm, die Bewohner Athens, welche er für den Tod des Sohnes verantwortlich machte, zu strafen. Er forderte von ihnen, alle neun Jahre einen Tribut von 7 Jungfrauen und 7 Jünglingen, die dem Minotaurus geopfert wurden. Theseus, ein Held der griechischen Antike meldete sich freiwillig, um gegen den Minotaurus zu kämpfen.

Als er nach seiner Ankunft auf Kreta Minos‘ Tochter Ariadne kennenlernte, verliebten sich beide ineinander. Theseus vertraute ihr seine Absicht an. Als er einwilligte sie zu heiraten und mit nach Athen zu nehmen, schenkte sie ihm einen magischen Faden, mit dem er aus dem Labyrinth jederzeit wieder herausfand. Theseus gelang es mit Hilfe der Götter, den Minotauros zu erlegen, den er dem Poseidon opferte.

Kurzübersicht: Merkmale am Mythos erklärt


  • Diese Erzählung rund um das Labyrinth ist nur ein sehr kleiner Teil der gesamten griechischen Mythologie und zeigt somit nur einen knappen Ausschnitt, der sich aber chronologisch in den Kontext aller griechischen Mythen einbetten lässt, wobei er in sich geschlossen ist.
  • Er erklärt allerdings einen Teil der griechischen Welt. So gibt er Hinweise zur Geschichte Kretas, deren antike Kultur heutzutage als Minoische Kultur bezeichnet wird und so auf den mythischen König verweist. Er erklärt auch, warum der Palast von Knossos so verwinkelt ist (Labyrinth)
  • Weiterhin verdeutlicht er die Sonderstellung des Stieres in der minoischen Religion. Dieser wird nämlich einerseits verehrt, weil er mächtig und heilig ist, aber andererseits ist er aufgrund seiner Unberechenbarkeit ein gefährlicher Dämon, der häufig in antiken Ritualen geopfert wurde.
  • Der Mythos trägt darüber hinaus noch ein weiteres Element in sich, das nur für einen wissenden Empfänger (Leser, Hörer) deutlich ist. So könnte der Minotaurus auch für den obersten Priester als Vertreter der kretischen Stiergottheit stehen, wobei der Sieg des Theseus als Sieg der Feinde Kretas, die vom Festland kamen, gedeutet werden könnte.

  • Tipp: Auf fabelwesen.net lässt sich der Mythos rund um Theseus und den Minotaurus nochmals ausführlicher nachlesen. Hier finden sich außerdem Unterseiten zu Pasiphae, dem magischen Ariadnefaden und weitere Geschichten und Übersichten zur griechischen Mythologie.

Arten des Mythos‘

Es gibt verschiedene Arten des Mythos. Dabei lassen sich allgemein drei Typen in den vergangenen Jahrtausenden nachweisen. So gibt es Mythen, welche die Entstehung der Welt und der Schöpfung beinhalten, welche, die sich um vorzeitliche Heroen und Kriege ranken sowie Mythen, die aus einer Fantasiefreude entsprungen sind. Nachfolgend eine Übersicht dieser Typen:

Schöpfungs- und Erklärungs-
Mythen
halbgeschichtliche
Mythen
Fantasiemythen
  • ist die hauptsächliche Form
  • meint Erklärungsmodelle rund um die Schöpfung des Menschen, die Götterentstehung oder Erklärungen von Naturerscheinungen
  • daraus leiten sich häufig Riten und Bräuche ab
  • stimmen mit Historie überein
  • im Mittelpunkt stehen frühe Helden, Kriege oder Ereignisse
  • sind dabei aber mit Göttermythen verschmolzen, weshalb historische Begebenheiten durch fantastische Ausschmückungen gekennzeichnet sind
  • Sind frei erfunden, haben selten einen realen Bezug
  • dienen oft der Manipulation
  • a) allegorische Auslegung bestehender Mythen, sodass diese zum Weltbild passen
  • b) künstlerische Geschichte, die ein Autor frei erfindet

Unterschied: Legende, Märchen, Sage, Fabel, Mythos

Eine der größten Schwierigkeiten in Bezug auf die Mythen bereitet sehr häufig die Unterscheidung zu ähnlichen, verwandten Textsorten. Der Mythos ähnelt vor allem dem Märchen, der Legende, der Fabel und weiterhin der Sage. Wir möchten nachfolgend die Unterschiede der Gattungen aufzeigen.

  • Fabel: Fabeln sind erfunden und wurden von einem Autor geschrieben, wobei es keine konkreten Angaben zu Zeit und Raum gibt. In der Fabel agieren Tiere und vertreten gewissermaßen den Menschen. Die Fabel endet mit einer Pointe und ist meist belehrend. Die Protagonisten sind meist keine eindeutigen Charaktere, sondern Stereotype, die bestimmte Eigenschaften verkörpern (vgl. Fabeltiere).

  • Märchen: Sind auch frei erfunden, unterscheiden sich in Volksmärchen (weitererzählt) und Kunstmärchen (von einem Autoren). Märchen spielen außerhalb von Raum und Zeit, weshalb ebenso keine konkreten Orts- und Zeitangaben gemacht werden. Das Personal des Märchens ist eher typisiert, es gibt selten konkrete Personen (Die Prinzessin, der Wolf, die böse Hexe).

  • Legende: Der Unterschied zwischen Sage und Legende ist gering. Prinzipiell gelten die gleichen Merkmale. Wesentlich ist allerdings, dass Legenden stets von Heiligen erzählen. Dabei beziehen sie sich natürlich auch immer auf eine bestimmte Person oder ein eindeutiges Ereignis, weshalb der Realitätsanspruch gleichermaßen hoch ist. Sie basieren also meist auf der Biografie einer Person.

  • Sage: Wird mündlich überliefert und handelt von konkreten Personen, Zeiten oder Schauplätzen. Die Sage hat demnach einen sehr hohen Realitätsanspruch, weshalb die handelnden Personen auch ganz genau benannt werden. Zwar kommen durchaus Fabelwesen vor, sind aber als solche zu erkennen.

  • Mythos: Ein Mythos erklärt gewissermaßen die Welt. Vor allem ist uns heute die griechische oder römische Mythologie vertraut. Hierbei werden Sachverhalte sowie Zusammenhänge durch Götter, Helden oder Fabelwesen erklärt, wie beispielsweise die Erschaffung der Welt oder das Leben nach dem Tod.