Die Rollenbiographie ist eine Methodik aus dem Deutsch- und Theaterunterricht, um sich eine fiktive Figur zu erarbeiten und dabei ihre Eigenarten, Besonderheiten und Charakteristika kennenzulernen. Diese Auseinandersetzung mit einer Romanfigur oder Theaterrolle kann dabei helfen, die einzelnen Entscheidungen und Handlungen des jeweiligen Protagonisten oder auch Deuteragonisten nachvollziehen zu können.

Dabei müssen wir die jeweilige Rolle en detail aus dem zugrundeliegenden Werk herausarbeiten, um das Äußere, Innere, die Eigenschaften und sämtliche Details über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erfassen. Folglich ist es sinnvoll, vorab eine Charakterisierung, eine Personenbeschreibung oder einen Steckbrief anzufertigen, um im Anschluss daraus die Rollenbiographie ableiten und schreiben zu können.

Der Unterschied zwischen diesen Arten des Beschreibens und der Rollenbiographie ist, dass die Rollenbiographie aus der Ich-Perspektive verfasst wird, wohingegen Charakterisierung und Co immer eine Außenbeschreibung sein müssen, da die Figur durch uns beschrieben wird.

Das bedeutet, dass wir beim Schreiben der Rollenbiographie in die Rolle selbst schlüpfen und aus Ihrer Sicht schildern, wie sie sich selbst sieht. Wichtig ist dabei, dass wir auch berücksichtigen, wie sich die Figur im Roman gibt und wie sie spricht. Wir stellen uns vor, dass wir selbst die Figur sind.

Leitfaden für die Rollenbiographie

Werfen wir einen Blick auf die möglichen Eigenschaften, Eigenarten und äußerlichen Aspekte, die wir über eine Rolle wissen könnten. Diese Eigenschaften sind als Leitfaden zu verstehen.

  • Leitfaden und -fragen für die Rollenbiographie

    • Allgemeine Fakten und Merkmale

      • Name und Vorname der Rolle
      • Geschlecht
      • Alter
      • Geburtsort, derzeitiger Wohnort
      • Nationalität
      • Beruf
    • Äußere Erscheinung der Figur
      • Erscheinungsbild (Größe, Statur, Augenfarbe, Haarfarbe).
      • Kleidung (Lieblingskleidungsstücke, besondere Kleidung)
      • Besondere Merkmale (Leberflecke, Narben, Tätowierungen)
      • Behinderungen, Prothesen, körperliche Leiden
    • Innere Werte der Rolle
      • Moralische Werte (Was hält die Figur für richtig oder falsch?)
      • Intelligenz (Bildungsgrad, Abschlüsse, Wissen)
      • Lebenseinstellung (Welche Einstellung hat die Rolle zum eigenen Leben?)
      • Vorlieben und Abneigungen
      • Ängste, Sorgen, Befürchtungen
      • Was fällt der Figur leicht, was fällt ihr schwer, welche Dinge mag sie, was mag sie nicht?
    • Auffälligkeiten und Eigenarten
      • Sprechweise (Stottern, Stammeln, Dialekt, Akzent)
      • Mimik & Gestik (Bewegungen, Ticks ect.)
      • Psychische Auffälligkeiten (Halluzination, Wahnvorstellungen)
    • Sprache der Rolle (wichtig!)
      • Wie spricht die Figur? (langsam, schnell, hektisch)
      • Welche Wörter nutzt die Person? (Fremdwörter, einfache Sprache)
      • Ist sie belehrend, vorlaut, pietätlos, zögerlich etc.?

      • Hinweis: Wenn wir die Rollenbiographie schreiben, müssen wir unbedingt darauf Acht geben, dass die Sprache der Rollenbiographie im Einklang mit der Sprache der Figur steht. Ist unsere Figur beispielsweise sehr gebildet, wird sie sich unter Umständen gewählt ausdrücken.
    • Geschichte der Figur
      • Vergangenheit (Herkunft, Eltern, Geschwister, Ausbildung, ehemalige Freundschaften, Freunde aus Kindertagen, erste Liebe, besondere Erlebnisse, Traumata, Beziehung zu Mutter und Vater)
      • Gegenwart (Hobbys, Kinder, Verwandte, derzeitige Lebenssituation, Einkommen/Verdienst, Unternehmungen in der Freizeit, Wohnsituation, Lebensstandard, Beziehung/Partnerschaft)
      • Zukunft (Hoffnungen, Wünsche, Träume, Pläne, Vorhaben, Ziele)
    • Soziale Beziehungen der Rolle
      • Wie ist die Figur in die Gemeinschaft integriert?
      • Hat sie Feinde oder Neider?
      • Ist sie beliebt oder nicht beliebt?
      • Ist sie in Vereinigugen aktiv (politisch, sozial)?
  • Liste möglicher Charaktereigenschaften

Hinweis: Natürlich können wir nicht zu allen Aspekten eine Entsprechung im jeweiligen Werk finden. Folglich ist dieser Leitfaden zur Rollenbiographie lediglich als Anregung zu verstehen und sollte durch Sie ergänzt werden. Weitere Details für die Beschreibung finden Sie im Beitrag Personenbeschreibung.

Rollenbiographie schreiben

Haben wir alle wesentlichen Fakten, Merkmale und Eigenschaften der Figur zusammengetragen, können wir uns ans Schreiben machen. Dabei gibt es einige Dinge zu beachten.

  • Die Rollenbiographie ist wie ein Monolog oder ein Brief verfasst. Das bedeutet, dass lediglich unsere Rolle in direkter Rede zu Wort kommt und kein Erzähler auftaucht.
  • Es gibt somit keine beschreibenden Adjektive oder einleitenden, erzählerischen Merkmale, wie wir sie aus anderen Bereichen des Schreibens kennen.
  • Die Rollenbiographie ist stets ausformuliert und im Präsens (Gegenwart) verfasst. Wir müssen uns vorstellen, dass die Figur im Augenblick spricht.
  • Wir sollten versuchen, die Sprache der Figur genau herauszuarbeiten und in unsere Formulierungen einfließen zu lassen.
  • Weiterhin sollten Auffälligkeiten der Rolle in die Biographie einfließen. Wenn eine Rolle immer französische Sprichwörter zitiert, sollte das in der Biographie eine Rolle spielen, wenn sie vornehmlich in Parataxen spricht, sollte sich dies nachvollziehen lassen.
  • Dies gilt allerdings auch für alle anderen sprachlichen Auffälligkeiten oder rhetorischen Stillmittel, die der Rolle zu Eigen sind. Auch diese sollten wir beim Schreiben beachten.
  • Der Aufbau einer Rollenbiograpghie folgt übrigens keinem festen Schema. Idealerweise beginnen wir mit einer passenden Begrüßung, geben dann einige Auskünfte über die gewählte Rolle und geben dann weitere Fakten an. Vielleicht stellen wir uns einfach vor, wir würden uns einem Fremden vorstellen. Wie würden wir hier vorgehen?
  • Weiterhin legen wir selbst fest, welche Länge unsere Rollenbiographie haben sollte. Ein gängiges Maß im Deutschunterricht ist in etwa eine halbe bis eine DIN-A4-Seite.

Möglicher Einstieg in eine Rollenbiographie

Um das Ganze zu verdeutlichen, möchten wir Ihnen einen Einstieg in eine Rollenbiographie geben. Als Beispiel soll der Einstieg einer Rollenbiographie Wilhelm Tells dienen.

Sei gegrüßt, Fremder! Mein Name ist Wilhelm. Ich bin Alpenjäger, wie auch mein Vater einst, dem ich in diesen Beruf folgte. Ich bin ein einfacher, aber stets freier Mann und sorge für meine Familie und erbringe das Notwendigste mit meiner Hände Arbeit. Und auch wenn das Leben mich zeichnete und mitunter beschwerlich war, lege ich es in die Hände Gottes und vertraue darauf, dass es gut wird…


Das Wichtigste im Überblick

  • Die Rollenbiographie schreiben wir stets aus der Sicht einer Figur. Folglich muss sie nicht unbedingt alle Fakten enthalten und wir müssen nicht alle Erkenntnisse preisgeben.
  • Immerhin kann eine Person auch übertreiben oder Dinge anders darstellen, als sie sich wirklich abgespielt haben. Vielleicht verdrängt sie sogar Details?
  • Das bedeutet, dass wir verssuchen müssen, die Rollenbiographie aus der Sicht der jeweiligen Person zu schreiben und nicht unseren Blick auf die Dinge zu schildern.
  • Weiterhin ist die Rollenbiographie stets im Präsens (Gegenwart) und als ausformulierter Text verfasst und nicht nur stichpunktartig aufgebaut.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Rollenbiographie
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001