WORTWUCHS | Literaturlexikon

Barbarossa

Friedrich Rückert

  1. Der alte Barbarossa,
  2. Der Kaiser Friederich,
  3. Im unterirdschen Schlosse
  4. Hält er verzaubert sich.
  5. Er ist niemals gestorben,
  6. Er lebt darin noch jetzt;
  7. Er hat im Schloß verborgen
  8. Zum Schlaf sich hingesetzt.
  9. Er hat hinabgenommen
  10. Des Reiches Herrlichkeit,
  11. Und wird einst wiederkommen,
  12. Mit ihr, zu seiner Zeit.
  13. Der Stuhl ist elfenbeinern,
  14. Darauf der Kaiser sitzt;
  15. Der Tisch ist marmelsteinern,
  16. Worauf sein Haupt er stützt.
  17. Sein Bart ist nicht von Flachse,
  18. Er ist von Feuersglut,
  19. Ist durch den Tisch gewachsen,
  20. Worauf sein Kinn ausruht.
  21. Er nickt als wie im Traume,
  22. Sein Aug’ halboffen zwinkt;
  23. Und je nach langem Raume
  24. Er einem Knaben winkt.
  25. Er spricht im Schlaf zum Knaben:
  26. Geh hin vors Schloß, o Zwerg,
  27. Und sieh, ob noch die Raben
  28. Herfliegen um den Berg.
  29. Und wenn die alten Raben
  30. Noch fliegen immerdar,
  31. So muß ich auch noch schlafen
  32. Verzaubert hundert Jahr.
» Zur Darstellung des Textes
Der oben stehende Gedichttext orientiert sich an der Schreibung Theodor Fontanes. Folglich haben wir die Rechtschreibung kaum angepasst und sämtliche Einrückungen des Autors beibehalten.

Erläuterungen

Hintergrund

Die Ballade Barbarossa von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1817 erzählt auf dichterische Art und Weise von der Barbarossa-Sage.

Der Sage nach ist Kaiser Friedrich I., der auch Barbarossa genannt wird, nicht im Jahr 1190 fernab der Heimat gefallen, sondern wurde mit seinem gesamten Hofstaat verzaubert. Der Zauber soll ihn in eine Höhle unter dem Kyffhäusergebirge versetzt haben.

Gemeinsam mit seinen Getreuen soll er durch den Zauber unten den Bergen leben. Dort sitzt er auf einem Thron, schlafend, und wartet auf seine Rückkehr, um sein großes Reich wieder zu errichten.

Um zu schauen, ob die Zeit für seine Rückkehr gekommen ist, schickt er manchmal einen Zwerg hinauf, der schauen soll, ob noch Raben um die Berge fliegen. Sollte dies so sein, will er weiter warten und verfällt erneut in einen hunderjährigen Schlaf.

Die Sage lässt sich zwar vor Rückerts Text belegen und dennoch trug die Ballade ungemein zur Verbreitung des Stoffs bei. Allerdings wurde die Geschichten um den schlafenden Barbarossa allgemein im Laufe des 19. Jahrhunderts populär, da mit der Sage politische Forderungen nach einem deutschen Nationalstaat verknüpft wurden, wie er – so die Auffassung – zu Zeiten Barbarossas existierte.

Folglich ist Rückerts Werk einerseits »nur« die Verarbeitung eines bekannten Sagenstoffs, kann aber andererseits im gleichen Maße als politisches Gedicht betrachtet, gelesen und untersucht werden.

Mehr zum Zeitgeschehen gibt’s im Artikel zum Vormärz.