WORTWUCHS | Literaturlexikon

Das Hexenkind

Joachim Ringelnatz

  1. Das junge Ding hieß Ilse Watt.
  2. Sie ward im Waisenhaus erzogen.
  3. Dort galt sie für verstockt, verlogen,
  4. Weil sie kein Wort gesprochen hat
  5. Und weil man ihr es sehr verdachte,
  6. Daß sie schon früh, wenn sie erwachte,
  7. Ganz leise vor sich hinlachte.
  8. Man nannte sie, weil ihr Betragen
  9. So seltsam war, das Hexenkind.
  10. Allüberall ward sie gescholten.
  11. Doch wagte niemand, sie zu schlagen.
  12. Denn sie war von Geburt her blind.
  13. Die Ilse hat für frech gegolten,
  14. Weil sie, wenn man zu Bett sie brachte,
  15. Noch leise vor sich hinlachte.
  16. In ihrem Bettchen blaß und matt
  17. Lag sterbend eines Tags die kranke
  18. Und stille, blinde Ilse Watt,
  19. Lächelte wie aus andern Welten
  20. Und sprach zu einer Angestellten,
  21. Die ihr das Haar gestreichelt hat,
  22. Ganz laut und glücklich noch: „Ich danke.“

Erläuterungen

Hintergrund

Die Ballade Das Hexenkind von Joachim Ringelnatz entstand 1931. Die Ballade erzählt vom Schicksal der kleinen Ilse Watt, die ihre Leben in einem Waisenhaus verbrachte und der die Gesellschaft aufgrund ihrer Andersartigkeit, schrecklich und abweisend begegnet.

Das Gedicht erzählt also im Eigentlichen von einem Kind, das zwar blind und still ist, aber doch voller Freude. Doch führt das stumme, scheinbar seltsame Verhalten der kleinen Ilse Watt dazu, dass sich die Gesellschaft vor ihr verschließt und sie ausgrenzt.

Doch als Ilse im Augenblick des Todes mit Menschlichkeit begegnet wird, spricht sie laut, glücklich und voller Dankbarkeit.

Kurzum: Ringelnatz‘ Ballade ist durchaus als sozial-kritisch zu werten, da sie eine Gesellschaft zeigt, die sich vor der Andersartigkeit verschließt, wenngleich diese viel „normaler“ erscheint, als ihr endlich menschlich begegnet wird.

Analyse

Aufbau

Gedichtanalyse der äußeren Form
Gedichtart Ballade
Strophen 4 Strophen mit 7, 5, 3 und 7 Zeilen
Verse Insgesamt 22 Verszeilen aus ingesamt 129 Wörtern
Versmaß
(Metrum)
Kein durchgängiges Versmaß.
Reimschema Kein durchgängiges Reimschema; 1. Strophe: abbaccc, 2. Strophe: abaab, 3. Strophe: abb, 4. Strophe: abaccab
Reimformen Verse der Strophen durch Endreime verbunden; zumeist reine Reime
Zeitformen Präsens (Gegenwart), Präteritum, Perfekt