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Byline

Als Byline (russ. Bylina), auch Starine, wird ein episches Heldenlied der russischen Volksdichtung bezeichnet. Es umfasst meist mehrere hundert rhythmische Verszeilen, die oft reimlos waren und sich durch eine Mittelzäsur auszeichneten. Die Bylinen handeln von historischen oder legendären Stoffen der russischen Geschichte, wobei teils auch mythologische Elemente zu finden sind (vgl. Mythos). Solche Bylinen haben ihren Ursprung im Mittelalter, wobei sich noch bis ins 16. Jhd. vielfältige Neuschöpfungen finden lassen. Sie wurden traditionell im Sprechgesang vorgetragen und dabei selten musikalisch begleitet. Die Byline wurde von fahrenden Spielleuten (Skomorochi) verbreitet, mündlich überliefert und lebte vor allem im Volksmund fort.

Begriff

Der Begriff leitet sich vom russischen Nomen bylina ab, das sich mit Begebenheit übersetzen lässt. Somit verweist allein die Übersetzung des Wortes darauf, worum es grundsätzlich geht: die Bylinen zeigen Begebenheiten, also Dinge, die passiert sind und erzählt werden.

Folglich liegen den Bylinen zumeist historische Stoffe zugrunde, auch wenn diese teils mit mythologischen Elementen angereichert werden und somit nicht immer streng historisch belegbar sind. Oft weisen Bylinen, die sich mit Helden aus alten Zeiten befassen, einen viel stärkeren Märchencharakter auf, als solche, die sich mit Dingen befassen, die beim Verfassen nur wenige Jahre zurücklagen.

Hinweis: 1839 veröffentlichte Iwan Petrowitsch Sacharow, ein Folklorist sowie Altertumsforscher, eine Anthologie russischer Folklore, die auch den Abschnitt „Bylinen des russischen Volkes“ beinhaltete. Sehr wahrscheinlich ist, dass Sacharow damit nachhaltig die Popularität des Begriffs prägte.

Merkmale und Aufbau

Übersicht: Die wichtigsten Merkmale im Überblick


  • Die Byline ist ein episches Heldenlied. Die meisten Bylinen umfassen etwa 500 bis 600 Verse. Deren Rhythmus ist weitestgehend frei, wobei sie sich häufig durch Vierheber und eine Mittelzäsur auszeichnen (vgl. Hebung).
  • Der Aufbau folgt zumeist einer Abfolge von Einleitung, einem erzählenden Teil und einem Epilog. Die Einleitung wies häufig einen Vers auf, der das Publikum zum Zuhören aufforderte. Außerdem wurde hierbei oftmals die Mission und Aussgangssituation des Heldens beschrieben. Der Hauptteil war meist spannend und zeichnete sich durch Hyperbeln aus, wobei der Epilog die Belohnung des Heldens erzählte oder eine Moral bereithielt. Häufig gab es hier einen Bezug zum Meer oder einem Gewässer.
  • Diese Heldenlieder wurden in einer Art Sprechgesang rezitiert und somit verbal tradiert. Folglich gibt es aus der Hochzeit – dem Mittelalter – kaum Aufzeichnungen. Unter den Sängern wird die Bylina, was Begebenheit heißt, auch Starine genannt, was in etwa Mär aus alter Zeit bedeutet.
  • Die Lieder erzählen historische und legendäre Begebenheiten. So ähneln sie in ihrer Form durchaus der Ballade, aber in ihrem Charakter auch der Legende, der Sage und natürlich dem Märchen.
  • Im Gegensatz zum Märchen sind sie für die Geschichtswissenschaft aber durchaus interessant, da sie häufig um einen wahren Kern kreisen und sich in der Regel auf tatsächliche Begebenheiten beziehen.
  • Sie zeichnen sich außerdem durch wiederkehrende Formeln, Topoi und Figuren aus. Bekannte literarische Figuren sind etwa: Dobrynja Nikititsch, der vor allem als Drachentöter bekannt wurde; Aljoscha Popowitsch, ein eher jugendlicher, ungestümer Held oder Ilja Muromez, ein Held mit übermenschlichen Fähigkeiten, dessen Pferd sprechen konnte.

Sammlungen

Wie auch Märchen, wurden Bylinen vor allem im Volksmund oder durch fahrende Spielleute weitergegeben. Deshalb gibt es aus der maßgeblichen Hochzeit der Gattung kaum Aufzeichnungen, die die Heldenlieder festhielten. Erst seit dem 17. Jahrhundert wurden sie gezielt zusammengetragen und von Sammlern aufgeschrieben.

Anfangs, also noch im 17. Jahrhundert, wurden die Heldenlieder vor allem in Russland selbst gesammelt. Hier wurden meist die Inhalte der Bylinen prosaisch zum Zwecke der Unterhaltung gebündelt.

Die größte der frühen Sammlungen geht auf Kirsha Danilov zurück, der sie im Auftrag des Industriellen Prokofi Demidov (1710–1786) anfertigte. Allerdings finden sich zu Danilov keinerlei Quellen, die mehr als seinen Namen aufweisen. Folglich stand zwar sein Name auf dem Manuskript, doch ist es möglich, dass er frei erfunden ist.

Das Manuskript erschien 1804 und erreichte eine enorme Popularität. Diese lässt sich wohl dadurch begründen, dass Napoleon in Europa die Macht ergriff und 1812 gegen Russland in die Schlacht zog (vgl. Romantik; histor. Hintergrund), wodurch vor allem Werke, die sich patriotisch mit der Vergangenheit Russlands beschäftigten und russische Helden zeigten, im russischen Volk beliebt wurden.

Im 19. Jahrhundert war es dann Pavel Rybnikov, der eine der größten Sammlungen schuf. Es wird erzählt, dasss Rybnikov in der Region um den Onegasee reiste und aufgrund eines Sturms auf einer Insel des Sees strandete. Dort soll er eine gesungene Byline vernommen und den Sänger gebeten haben, das Lied für ihn zu wiederholen. Dann schrieb er es nieder und sammelte fortan mehrere hundert dieser Heldenlieder, die er zwischen 1861 und 1867 veröffentlichte.

Einen großen Einfluss nahm dann Alexander Fjodorowitsch Hilferding. Er verbesserte Rybnikovs Arbeit insofern, als dass er bemerkte, dass sich Bylinen, wenn sie gesungen werden, textlich von ihrer erzählten Form unterscheiden. Deshalb versuchte er, vor allem die gesungenen Werke einzufangen und ergänzte es durch biografische Informationen zum Sänger. So festigte er die Rolle des Vortragenden und zeigte, dass dieser einen maßgeblichen Einfluss auf das jeweilige Werk hatte. Seine Sammlung veröffentlichte er 1873.

In der Folge und demzufolge auf der Arbeit Rybnikovs und Hilferdings aufbauend, entstanden immer mehr dieser Sammlungen, die Bylinen festhielten. Diese zeigten, dass solcherlei Heldenlieder überall in Russland zu finden und stark mit dessen Historie verknüpft waren.

Wichtige Sammlungen im Überblick


  • Alte russische Dichtungen, Kirsha Danilov, 1804
  • Lieder, Pavel Rybnikov, 1861 – 1867
  • Bylinen von Onega, Alexander Hilferding, 1873