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Katharsis

Der Begriff Katharsis geht auf die aristotelische Poetik zurück. Dabei schreibt Aristoteles der Tragödie die Wirkung zu, dass sie beim Zuschauer Jammer (eleos) sowie Schauder (phobos) erzeugt, was dann die Katharsis bewirkt. Als Katharsis bezeichnet er die Reinigung von diesen Leidenschaften (Jammer, Schauder) und ähnlichen Affekten (Gemütserregungen). Das Verständnis des Begriffs und die Frage, wer nun die Katharsis durchlebt (Zuschauer oder Figuren) ist seit jeher umstritten und führte in den vergangenen Jahrhunderten zu verschiedenen Deutungen und Interpretationsansätzen.

Der Begriff geht auf das griechische Nomen kátharsis (κάθαρσις) zurück, das sich mit Reinigung übersetzen lässt. Demnach verweist allein die Übersetzung des Begriffs auf dessen eigentliche Bedeutung: nämlich die Reinigung [von bestimmten Affekten]. In der griechischen Antike meinte der Begriff vorerst aber auch die allgemeine Reinigung von Schmutz und kam darüber hinaus in drei Bereichen zur Anwendung.

Demnach lässt sich das Wort in der antiken Medizin belegen, wobei es primär um die Reinigung schädlicher Substanzen oder reinigende Ausscheidungen ging. Weiterhin lässt sich der Begriff in einem kultischen sowie religiösen Sinne verorten, der die Purifikation (Reinigen der liturgischen Gefäße) und die Beseitigung von Beschmutzung meinte. In beiden Fällen steht also die tatsächliche Reinigung einer Sache im Vordergrund. Aristoteles weist der Katharsis aber eine therapeutische Funktion zu, die die Seele reinigt. Er schreibt:


Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, […] die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung [Anm.: Katharsis] von derartigen Erregungszuständen bewirkt.


Der obige Auszug stammt aus dem sechsten Abschnitt der aristotelischen Poetik. Dort steht, dass Jammer und Schauder in der Tragödie die Reinigung ebendieser Erregungszustände ermöglicht. Aristoteles verweist allerdings nicht eindeutig darauf, wer denn nun die Zielgruppe der Katharsis ist – wer erfährt hier also eine Reinigung und was ist mit derartigen Erregungszuständen gemeint? Die Uneindeutigkeit gibt Raum zur Interpretation. Folgend die einzelnen Ansätze in chronologischer Reihenfolge (vgl. Literaturepochen).

Katharsis im Barock (1575 – 1770)

Die treibende Kraft, welche den Katharsis-Begriff im Barock beeinflusste, war Martin Opitz, ein Dichter sowie Theoretiker jener Epoche. Hierbei stand vor allem die abschreckende Wirkung der Katharsis im Vordergrund, die zu einer stoischen Haltung gegenüber dem Schicksal anleiten sollte.

Eine stoische Haltung meint, dass das eigene Schicksal, vollkommen gleich wie schrecklich es auch erscheint, hingenommen und ertragen wird. Die Tragödie zeigt stets Protagonisten, die einem zerstörerischen Schicksal ausgeliefert sind und dieses dennoch ertragen. Laut Opitz sollte der Zuschauer, der das dramatische Werk verfolgt, durch die Katharsis, die die Tragödie bewirkt, ebenfalls eine stoische Haltung annehmen.

Der Zuschauer sieht demnach das Leid der Handelnden, das bei ihm Schauer und Jammer bewirkt, wobei er die Tränen kaum zurückhalten kann und zieht daraus eine Erkenntnis: durch das Sehen solch schrecklicher Schicksale erscheint das eigene positiver und ist besser zu ertragen. Bei Opitz liest sich das folgendermaßen:


Solche Beständigkeit aber wird vns durch beschawung der Mißligkeit des Menschlichen Lebens in den Tragödien zu förderst eingepflantzet: dann in dem wir grosser Leute / gantzer Städte vnd Länder eussersten Vntergang zum offtern schawen vnd betrachten / tragen wir zwar / wie es sich gebühret / erbarmen mit jhnen / können auch nochmals auß wehmuth die Thränen kaum zu rück halten; wir lernen aber daneben auch aus der stetigen besichtigung so vielen Creutzes vnd Vbels das andern begegnet ist / das vnserige / welches vns begegnen möchte / weniger fürchten vnd besser erdulden. (Aus: Martin Opitz: Trojanerinnen, 1625)


Auf die Begriffe Aristoteles‘ Jammer (eleos) und Schauder (phobos) verweist Opitz, wenn er schreibt, dass der Zuschauer Erbarmen mit den Handelnden sowie gleichermaßen Wehmut über deren Schicksal empfindet. Die logische Konsequenz ist nun, so Opitz, dass der Zuschauer das eigene Leid weniger fürchten vnd besser erdulden könne. Demnach schreibt Opitz der Tragödie durchaus eine erzieherische Funktion zu.

Dieses Verständnis ist einerseits charakteristisch für das 17. Jahrhundert, dessen christliches Weltbild einen ähnlichen Ansatz suggerierte und andererseits im Einklang mit Opitz‘ Annahme, dass die Poesie nicht nur ergötzen, sondern gleichermaßen belehren und außerdem nützlich sein sollte (vgl. Alexandriner).

Katharsis bei Corneille und Lessing

Später sind es dann Pierre Corneille (1606 – 1684) und Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781), die die Deutung des Begriffs maßgeblich beeinflussen. Corneilles theoretische Ansätze sind in der heutigen Zeit vor allem aufgrund der Auseinandersetzung mit seinen Schriften durch Lessing bekannt.

Corneille stellte seine dramentheoretischen Ansichten in den Trois discours sur le poème dramatique (1660) ausführlich dar. Zu jener Zeit wurde das antike Drama vornehmlich von christlichen Würdenträgern aufgrund seiner Gnadenlosigkeit kritisiert. Corneille unternahm nun den Versuch, in seinen Schriften zu zeigen, dass das Drama und ein christliches Weltbild durchaus miteinander harmonieren konnten.

Dafür untersuchte er die Tragödien, welche der Barock hervorbrachte und konzentrierte sich dabei auf das Märtyrer-Drama dieser Zeit. Das Märtyrer-Drama kreist um einen positiven Helden, der tugendhaft erscheint, sich an christlichen Moralvorstellungen orientiert und einem tyrannischen und auch bösartigen Gegenspieler gegenübersieht (vgl. Antagonist). Die Figurenkonstellation war demnach in solchen Dramen eindeutig – das absolute, tyrannische Böse stand dem unzweifelhaften, christlichen Guten gegenüber.

Demzufolge brach ein solches Märtyrer-Drama gewissermaßen mit dem klassischen dramatischen Aufbau aus Exposition, erregendem Moment, Höhepunkt (Peripetie), retardierendem Moment und Katastrophe, weil es keine tatsächliche Katastrophe gab oder geben konnte. Denn der Held war sich seines (Seelen-)Heils so sicher, dass er im eigentlichen Sinne gar nicht in die Katastrophe gestürzt werden konnte, die den Konflikt auflöste (vgl. Dénouement). Aufgrund der Bösartigkeit des Feindes war das Drama ferner vorhersehbar.


Das Dénouement als Auflösen des Konflikts im klassischen Drama


Aus diesen Beobachtungen entwickelte Corneille die Theorie, dass die Katharsis als eine Reinigung von Leidenschaften zu verstehen sei und eben nicht – wie es Opitz noch beschrieb – als eine Erziehung zu einer stoischen, also annehmenden, Haltung gegenüber des eigenen Schicksals. Leidenschaften, also Emotionen, die das Gemüt ergreifen, waren zu Corneilles Zeit negativ belegt und nach religiösem Verständnis schlecht.

Dieser Auffassung folgend, konnten Dramen nicht heiter sein oder eine wirkliche Spannung erzeugen, sondern zeigten allenfalls die Affekte (Gemütsregungen), um den Zuschauer vor ebendiesen zu warnen. Ein Zuschauer empfindet beim Betrachten mit den Helden des Werkes Mitleid und Furcht – die christliche Übersetzung der griechischen Wörter eleos (~Jammer) und phobos (~Schauder) – und kann sich so selbst davon reinigen.

Beispielsweise könnte der Held eines Dramas böse und von seinen Leidenschaften geprägt sein, weshalb er Scheckliches tut, wobei der Zuschauer zwar kein Mitleid mit diesem hätte, sich aber vor dessen Taten sowie Leidenschaften fürchten würde. Wäre der Held aber ein Märtyrer oder auch Heiliger, stünde dieser über den Leidenschaften. Ihn kann der Zuschauer, so Corneille, bemitleiden und bewundern. Er erweitert die Affekte, die zur Katharsis führen (Mitleid und Furcht), also um einen dritten Begriff: die Bewunderung.

Demzufolge erweitert Corneille das Zweiergespann der Leidenschaften, wie es Aristoteles vorschlug, wenn er außerdem die Bewunderung ins Feld führt. Weiterhin interpretiert er die grundsätzliche Aufgabe oder Funktion der Katharsis dahingehend, dass durch das Betrachten externer Leidenschaften im Drama der Betrachter selbst von diesen Leidenschaften gereinigt werde, wenn er fürchtet, Mitleid empfindet oder bewundert.

Erweiterung der Katharsis-Lehre durch Lessing

Einige Jahre später ist es Gotthold Ephraim Lessing, der die Bedeutung der Katharsis erneut erweitert. Lessing schuf mit seiner Hamburgischen Dramaturgie (1767 – 1769) eine Abhandlung über das Drama. Diese setzt sich aus mehreren Theaterkritiken zusammen, die Lessing als Dramaturg des Deutschen Nationaltheaters in Hamburg verfasste und ist demnach mehrteilig und nicht als Buch konzipiert.

Demzufolge enthält die Hamburgische Dramarturgie zweierlei: einerseits allerhand Kritiken zu Theaterstücken jener Zeit und andererseits wesentliche Überlegungen zur Poetik und vor allem zu Dramentheorie. Vor allem das Letztgennante ist interessant, da Lessing hierbei die bestehenden Meinungen über das Drama verwirft.

Es galt nämlich, dass das Drama vornehmlich zwei Aspekte zu erfüllen hatte. Dabei sollte es sich an den drei Aristotelischen Einheiten von Handlung, Ort und Zeit orientieren und außerdem einen Schwerpunkt auf Mitleid und Furcht legen, um die Katharsis beim Zuschauer zu bewirken. Lessing stellte nun aber heraus, dass die erste Wirkung der Tragödie das Mitleid sein müsste und wendet sich gegen die geltende Dramenpoetik.

Er begründet diese Annahme mit der Behauptung, dass Aristoteles bisher falsch verstanden wurde. Sämtliche Theoretiker hätten die Begriffe eleos und phobos, die mit Jammer und Schauder oder eben Mitleid und Furcht übersetzt wurden, getrennt betrachtet und sie so verstanden, dass der Zuschauer sich vor den Taten fürchtet oder Mitleid mit dem Helden hätte. Dabei geht es, so Lessing, primär darum, dass aus dem Mitleid die Furcht entstünde, dass einem Gleiches widerfahren könnte. Furcht und Mitleid sind also miteinander verbunden.

Aus diesen Überlegungen zum Katharsis-Begriff ergibt sich ein Ansatz, der gemeinhin die aufklärerische Katharsis-Lehre des Dramas bezeichnet: Der Zuschauer einer Tragödie sollte mit den Protagonisten mitfühlen, was in ihm eine Wandlung bewirken sollte. Er selbst sollte durch das Mitfühlen tugendhafter werden. Folglich unterstellt Lessing der Tragödie und somit auch der Katharsis eine moralische Funktion.

Lessing offenbart hierbei eindeutig eine aufklärerische Note: denn der moralischste Mensch ist bei ihm der mitleidende Mensch, der das gezeigte Schicksal des Helden für sich selbst fürchtet. Demzufolge leidet der Zuschauer mit den Helden des Werkes. Dadurch bewirkt die Katharsis, dass er sich von den Leidenschaften reinigt. Corneille und Lessing betonen die Reinigung der Leidenschaften durch Mitleid und Furcht.

Katharsis bei Goethe

Johann Wolfgang von Goethe, einer der bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung, ist es nun, der die Wirkung der Katharsis erstmals nicht auf den Zuschauer, sondern auf die Figuren des Dramas bezieht. Er beschreibt die Katharsis als eine künstlerische Erweiterung des Werkes.

Goethe sieht in der Katharsis also eher einen Kunstgriff des Dichters, welcher es schafft, seine Tragödie zwar Mitleid sowie Furcht durchlaufen zu lassen, doch am Ende eine Ausgeglichenheit dieser Leidenschaften zu zeigen. Die Katharsis meint hierbei also nicht die Erziehung oder die Reinigung des Zuschauers, sondern beschreibt wohl eher ein Konzept, welches eine Tragödie durchlaufen sollte oder eine Art der Tragödien-Konstruktion, wobei die Harmonie der Leidenschaften vordergründig ist. Bei Goethe liest sich das so:


[..] wenn [die Tragödie] durch einen Verlauf von Mitleid und Furcht erregenden Mitteln durchgegangen, so müsse sie mit Ausgleichung, mit Versöhnung solcher Leidenschaften zuletzt auf dem Theater ihre Arbeit abschließen. [Aristoteles] versteht unter Katharsis diese aussöhnende Abrundung, welche eigentlich von allem Drama, ja sogar von allen poetischen Werken gefordert wird […] Aristoteles spricht von der Konstruktion der Tragödie, insofern der Dichter, sie als Objekt aufstellend, etwas würdig Anziehendes, Schau- und Hörbares abgeschlossen hervorzubringen denkt (Aus: J. W. von Goethe, Nachlese zu Aristoteles‘ »Poetik«, 1827).


Goethe holt die Katharsis also aus dem Zuschauerrang zurück auf die Bühne, wenn er darauf verweist, dass die Tragödie – wenn sie nun alle erregenden Mittel durchlebt hat – eine Aussöhnung im Theater selbst schaffen müsste. Kurzum: eine sehenswerte Tragödie sollte die karthartische Wirkung mit der Tragödie abschließen, wobei das Publikum allerdings nicht moralisch erzogen oder gebessert wird.

Der Katharsis-Begriff bis zur Gegenwart

Von Aristoteles über Opitz zu Corneille und Lessing ist allen Ansätzen gemeinsam, dass die Katharsis als etwas verstanden wurde, das einen Zuschauer moralisch verbessern sollte. Goethe war es, der den Begriff erstmals auf die Tragödie selbst anwendete sowie die Katharsis als erstebenswertes Ziel der Konzeption deutete. Im 19. Jahrhundert erlebte der Begriff abermals eine Neuausrichtung.

Jacob Bernays (1824 – 1881), ein deutscher Klassischer Philologe, leistete dabei einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der aristotelischen Poetik und gleichermaßen zur Katharsis-Lehre. Er fasst die Katharsis im Werk Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über die Wirkung der Tragödie (1885) als eine erleichternde Entladung von Gemütsaffekten auf Seiten des Zuschauers. Seine Ansätze hatten sehr große Einflüsse auf Nietzsches Die Geburt der Tragödie (1872) und Sigmund Freuds Theorien.

Dass die Katharsis später in der Psychoanlatik eine wesentliche Rolle spielt, wird in der kathartischen Methode deutlich, die der österreichische Neurologe Sigmund Freud selbst als unmittelbaren Vorläufer der Psychoanalyse bezeichnet. Diese karthatische Methode besagt, dass sich ein Patient durch Abreaktionen (bspw. durch Schläge auf einen Sandsack) von angestauten Aggressionen und Affekten befreien kann.

Bernays, Freud und auch Nietzsche stellen die Katharsis demnach erneut in einen größeren medizinischen Zusammenhang und lösen sie so aus der unmittelbaren Dramentheorie. Interessant ist dabei, dass sich der Kreis folglich, wenn auch nur teilweise, schließt. Immerhin galt die Katharsis, bevor Aristoteles sie auf das Drama anwandte, vornehmlich in medizinischen Kreisen als die Reinigung des Körpers von schädlichen – wenn auch nicht psychischen – Substanzen und löste nun erneut medizinische Diskussionen aus.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zum Begriff im Überblick

  • Der Begriff Katharsis wurde ursprünglich in medizinischen und religiösen Bereichen gebraucht. Er meinte entweder die Reinigung des Körpers von schädlichen Substanzen und in Bezug auf das Religiöse die Purifikation oder auch Reinigung von Beschmutzung. Aristoteles, einer der einflussreichsten Philosophen der Geschichte, nutzte den Begriff später in seiner Poetik.
  • Aristoteles verweist dabei auf den Aufbau und die Wirkung der Tragödie. Die Tragödie zeichnet sich durch eine geschlossene, überschaubare Handlung aus und ist von einer künstlerischen Sprache durchwachsen. Weiterhin heißt es, dass sie Jammer (eleos) und Schauer (phobos) hervorruft, die [beim Zuschauer?] eine Reinigung, die Katharsis, bewirken.
  • Dieser Ansatz trat eine der längst geführten Kontroversen der Dramentheorie los und kann auch aus heutiger Sicht nicht abschließend aufgelöst werden. Die einzelnen Theorien, die das Thema aufgriffen, werfen sich gegenseitig falsche Übersetzungen oder Missverständnisse in Bezug auf die Deutung vor. Über Opitz, Corneille, Lessing und Goethe wurden die Äußerungen Aristoteles‘ interpretiert und später von Bernays, Nietzsche, aber auch Freud aufgegriffen.
  • So vertrat Opitz die Auffassung, dass die Katharsis als eine Erziehung zur stoischen Hanltung gegenüber des eigenen Schicksals zu verstehen sei. Er führte aus, dass der Zuschauer durch das Leid, das sich ihm in der Tragödie zeige, das eigene Schicksal besser annehmen könne.
  • Corneille schrieb der kathartischen Wirkung vor allem die Reinigung von Leidenschaften zu. Die Affekte werden also laut Corneille im Drama verwendet, um vor diesen zu warnen. So konnte der Zuschauer sich vor dem Bösewicht fürchten und einen Heiligen bemitleiden – aber auch bewundern – und sich so von ebendiesen Leidenschaften befreien.
  • Lessing ist es, der die Leidenschaften, die die Tragödie zeigt, nicht mehr getrennt voneinander betrachtet. Er geht davon aus, dass das Mitleid, das der Zuschauer bei der Betrachtung des Helden empfindet, die Furcht, dass es ihm ebenso gehen könnte, bewirkt. Durch ebendiese Furcht fällt es dem Zuschauer leichter, in der Folge selbst moralisch richtig zu handeln.
  • Johann Wolfgang von Goethe bezieht die Katharsis in seiner Abhandlung nun erstmals auf die Tragödie selbst und eben nicht mehr auf das Publikum. Er versteht die Katharsis eher als eine ästhetische Variable, die das Drama abrundet. Dieses durchläuft zwar alle Dimensionen von Mitleid und Furcht, sollte aber stets um einen Ausgleich am Ende bemüht sein.
  • In der Folge wurde der Begriff von Bernays ausgelegt, der ihr eine erleichternde Entladung von Gemütsaffekten attestierte und damit die Psychoanalytik Sigmund Freuds beeinflusste. Hierbei geht es vor allem darum, dass sich Aggressionen und Energien durch Abreaktionen teils lösen lassen. In der heutigen Zeit wird in diesem Kontext beispielsweise diskutiert, ob gewaltsame Computerspiele eine unschädliche Abfuhr von Aggressionsneigungen ermöglichen.
  • Weiterführend: Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff der Katharsis sehr kontrovers diskutiert. Weiterführend sind beispielsweise die Deutungen Theodor Lipps‘, Theodor Gomperz‘, Robert Petsch‘ sowie die Auseinandersetzungen Wolfgang Schadewaldts.

  • Hinweis: Das wesentliche Merkmal aller Auseinandersetzungen ist, dass es stets um eine Form der Reinigung geht, was durch den Begriff selbst angedeutet wird. Wer sich nun mit den Dramen einer Epoche oder Zeit befasst, sollte diese stets unter den Gesichtspunkten der Dramentheorie untersuchen, die für diese maßgeblich war. Hilfreich beim Verständnis ist auch der Gedanke, dass Aristoteles der Katharsis eine therapeutische Funktion zusprach, die die Seele reinigt.