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Gesellschaftsroman

Merkmale & Beispiele

Als Gesellschaftsroman wird ein Roman bezeichnet, der das Bild einer Gesellschaft in einer bestimmten Zeit entwirft und hier die Probleme verschiedener Menschen und Gruppen in diesem Umfeld aufzeigt. Der Gesellschaftsroman kann eine Art des Zeitromans sein, wenn in ihm versucht wird, die Gegenwart vollständig zu zeigen und nicht nur einzelene Schichten der Gesellschaft portraitiert werden. Wesentlich ist darüber hinaus, das er zumeist eine gesellschaftskritische Absicht verfolgt. Diese Form des Romans ist typisch für den Realismus, lässt sich aber in sämtlichen Epochen nachweisen. Wichtige Vertreter sind Theodor Fontane, Gustave Flaubert, Robert Musil, Honoré de Balzac.

Merkmale

Hinweis: Natürlich gelten auch für den Gesellschaftsroman alle Merkmale, die die Gattung des Romans auszeichnen. Der Text ist somit schriftlich fixiert, wird also nicht nur mündlich weitergegeben, und hat zumeist einen großen Umfang. Es handelt sich um Prosa, die stets fiktional ist, auch wenn sie auf Tatsachen beruht, und von einem Erzähler präsentiert wird (vgl. Erzählperspektiven).


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Merkmale des Gesellschaftsromans:

  • Der Gesellschaftsroman konzentriert sich selten auf wenige Hauptfiguren, die eine ereignisreiche Handlung durchleben, sondern zeigt viele Figuren und somit mehrere Handlungsstränge, die parallel erzählt werden.
  • Daraus ergibt sich, dass der Gesellschaftsroman nicht, wie die meisten andere epischen Textformen, ein zeitliches Nacheinander der Handlung zeigt, sondern meist vom Schicksal der Figuren nebeneinander erzählt.
  • Durch die Vielzahl der Figuren und ihrer Geschichten unternimmt dieser Roman den Versuch, ein umfassendes Bild des gesellschaftlichen Lebens einer Zeit zu zeichnen. Hierbei zeigt er natürlich die Konflikte, die für einzelne Gruppen entstehen (könnnen).
  • Somit kann der Gesellschaftsroman bewusst Kritik an der Gesellschaft üben, doch zumeist geschieht dies eher indirekt. Nämlich deshalb, weil die Gesellschaft sachlich und umfassend gezeigt wird, wobei Missstände oder Probleme sichtbar werden, was durchaus zur kritischen Analyse des Gezeigten führen kann. Die Gesellschaftskritik ist demnach kein primäres Merkmal des Genres, sondern mitunter eher eine Begleiterscheinung.
  • Dabei wird ein breites Bild verschiedener Milieus, also gesellschaftlicher Gruppen mit ähnlichen Werthaltungen, gezeichnet. Durch diese breite Schilderung, kann der Romantypus durchaus als objektiv gelten.
  • Auch wenn der Gesellschaftsroman versucht, die Gesellschaft abzubilden, konzentriert er sich nicht in jedem Fall auf alle Schichten oder Gruppen der Gesellschaft, sondern vorwiegend auf die führenden sowie tragenden gesellschaftlichen Teile. Das bedeutet, dass ein solcher Romantyp nicht zwingend sämtliche Schichten abbilden muss, sondern vor allem die Schichten zeigt, die prägend für die jeweilige Gesellschaft sind.
  • Durch die Konzentration auf prägende Teile der Gesellschaft, fällt in vielen Beispielen auf, dass die Unterschicht oft als soziale Folie benutzt wird. So ist der Gesellschaftsroman in seinen Milieuschilderungen zwar durchaus objektiv, zeichnet aber nicht immer ein umfassendes Gesellschaftsbild.
  • Der Romantypus ist typisch für den Realismus. In der beschriebenen Form lässt er sich erstmals im 18. Jahrhundert in England ausmachen. Dennoch finden sich natürlich schon in den Epochen zuvor Beispiele, die durchaus Gesellschaftsromane sind, weil sie in der Breite relevante Milieus zeigen.

Beispiele (Liste)

Die menschliche Komödie von Honoré de Balzac, 1799–1850 Volltext
Rot und Schwarz von Stendhal, 1830 Volltext
Oliver Twist von Charles Dickens, 1837–1839 Volltext
Jahrmarkt der Eitelkeit von William Makepeace Thackeray, 1847–1848 Volltext
Shirley von Charlotte Brontë, 1849 Volltext
Die Ritter vom Geiste von Karl Gutzkow, 1850–1851 Volltext
Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher Stowe, 1852 Volltext
North and South von Elizabeth Gaskell, 1855 Volltext
Madame Bovary von Gustave Flaubert, 1857 Volltext
Der Zauberer von Rom von Karl Gutzkow, 1858–1861 Volltext
Felix Holt, der Radikale von George Eliot, 1866 Volltext
Die Rougon Macquart von Émile Zola, 1871–1892 Volltext
Anna Karenina von Leo Tolstoi, 1873–1878 Volltext
Effi Briest von Theodor Fontane, 1894–1895 Volltext
Buddenbrooks von Thomas Mann, 1901 Volltext
Petersburg von Andrei Bely, 1913 Volltext
Manhattan Transfer von John Dos Passos, 1925 Volltext
Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil, 1930–1933 Volltext
Die Mühle am Po von Riccardo Bacchelli, 1938–1940 Volltext
Jenseits von Eden, John Steinbeck, 1952 Volltext
Der Leopard von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, 1958 Volltext
Der unsichtbare Mann von Ralph Ellison, 1952 Volltext

Zeitroman, Sozialroman oder Gesellschaftsroman

Die Begriffe Zeit-, Sozial- und Gesellschaftsroman werden manchmal synonym gebraucht. Tatsächlich gibt es allerhand Gemeinsamkeiten. Dennoch lassen sich die Romantypen voneinander unterscheiden.

Der Zeitroman ist eine erweiterte Form des Gesellschaftsromans, da hierbei nicht nur ein breites Bild der Gesellschaft und ihrer Milieus gezeichnet wird, sondern versucht wird, wirtschaftliche, politische sowie geistige und kulturelle Tendenzen abzubilden.

Der Zeitroman präsentiert das Gezeigte also noch breiter, wobei ein nahezu objektives Panorama der jeweiligen Zeit entsteht. Wenn die Objektivität des Gezeigten zur geschichtlichen Rekonstruktion einer Zeit beiträgt, kann ein Zeitroman deshalb relevant sein, wenn auch nicht aus künstlerischen, sondern aus historischen Gründen.

Ein solch umfassendes Bild zeichnet der typische Gesellschaftsroman meist nicht. Dennoch sind die Übergänge natürlich fließend und jeder Zeitroman ist demnach auch ein Gesellschaftsroman, aber nicht jeder Gesellschafts- auch gleichermaßen ein Zeitroman.

Anzutreffen ist der Romantypus vor allem im Jungen Deutschland bei Karl Gutzkow, Heinrich Laube oder Theodor Mundt. Später sind es vor allem Theodor Fontane oder Thomas Mann, die das Genre prägen.

Der Begriff Sozialroman wird häufig synonym zu Gesellschaftsroman gebraucht. Das ist allerdings nicht immer korrekt. Wesentlich für die soziale Dichtung ist, dass sie sich in der Regel als Tendenzliteratur beschreiben lässt und somit eine eindeutige politische Richtung, Ideologie oder auch Moral erkennen lässt.

Folglich kann ein Sozialroman umfassend eine Gesellschaft abbilden, doch zumeist lässt sich außerdem eine soziale Anklage ausmachen, die kein zwingendes Merkmal des Gesellschaftsromans ist.

Hinweis: Somit gilt, dass die Grenzen zwischen den Romantypen nicht immer eindeutig, sondern eher fließend sind. Dennoch lassen sie sich ziehen. Ferner lässt sich festhalten, dass all diese Formen durchaus als Gesellschaftsroman bezeichnet werden können, aber dies eben nicht andersherum gilt.


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