WORTWUCHS | Literaturlexikon

Brigitte B.

Frank Wedekind

  1. Ein junges Mädchen kam nach Baden,
  2. Brigitte B. war sie genannt,
  3. Fand Stellung dort in einem Laden,
  4. Wo sie gut angeschrieben stand.
  5. Die Dame, schon ein wenig älter,
  6. War dem Geschäfte zugetan,
  7. Der Herr ein höherer Angestellter
  8. Der königlichen Eisenbahn.
  9. Die Dame sagt nun eines Tages,
  10. Wie man zu Nacht gegessen hat:
  11. Nimm dies Paket, mein Kind, und trag es
  12. Zu der Baronin vor der Stadt.
  13. Auf diesem Wege traf Brigitte
  14. Jedoch ein Individium,
  15. Das hat an sie nur eine Bitte,
  16. Wenn nicht, dann bringe er sich um.
  17. Brigitte, völlig unerfahren,
  18. Gab sich ihm mehr aus Mitleid hin.
  19. Drauf ging er fort mit ihren Waren
  20. Und ließ sie in der Lage drin.
  21. Sie konnt’ es anfangs gar nicht fassen,
  22. Dann lief sie heulend und gestand,
  23. Daß sie sich hat verführen lassen,
  24. Was die Madam begreiflich fand.
  25. Daß aber dabei die Turnüre1
  26. Für die Baronin vor der Stadt
  27. Gestohlen worden sei, das schnüre
  28. Das Herz ihr ab, sie hab’ sie satt.
  29. Brigitte warf sich vor ihr nieder,
  30. Sie sei gewiß nicht mehr so dumm;
  31. Den Abend aber schlief sie wieder
  32. Bei ihrem Individium.
  33. Und als die Herrschaft dann um Pfingsten
  34. Ausflog mit dem Gesangverein,
  35. Lud sie ihn ohne die geringsten
  36. Bedenken abends zu sich ein.
  37. Sofort ließ er sich alles zeigen,
  38. Den Schreibtisch und den Kassenschrank,
  39. Macht die Papiere sich zu eigen
  40. Und zollt ihr nicht mal mehr den Dank.
  41. Brigitte, als sie nun gesehen,
  42. Was ihr Geliebter angericht’,
  43. Entwich auf unhörbaren Zehen
  44. Dem Ehepaar aus dem Gesicht.
  45. Vorgestern hat man sie gefangen,
  46. Es läßt sich nicht erzählen wo;
  47. Dem Jüngling, der die Tat begangen,
  48. Dem ging es gestern ebenso.

[1] im Kleid verborgenes großes Polster, das das Gesäß betont

» Zur Darstellung des Textes
Der oben stehende Gedichttext orientiert sich an der Schreibung Frank Wedekinds. Folglich haben wir die Rechtschreibung kaum angepasst und sämtliche Einrückungen des Autors beibehalten.

Erläuterungen

Hintergrund

Die Ballade Brigitte B. von Frank Wedekind wurde im Jahr 1905 im Gedichtband Die vier Jahreszeiten veröffentlicht.

Die Ballade erzählt in heiterem Klang von dramatischen Ereignissen. Es geht um Brigitte B., die nach Baden kommt und eine Anstellung in einem Laden findet, der von einer älteren Dame und ihrem Ehemann geführt wird. Eines Tages erhält sie den Auftrag, der Baronin, die vor der Stadt lebt, ein Päckchen zu bringen.

Dieses wird ihr auf dem Weg von einem Mann abgenommen, der ihr aber nicht nur die Ware nimmt, sondern sie außerdem sexuell nötigt, indem er ihr mit Selbstmord droht, falls sie sich ihm nicht hingibt. Brigitte ist das Geschehene unglaublich peinlich, weshalb sie ihren Arbeitgebern unter Tränen alles erzählt.

Die ältere Dame hat Verständnis und lässt Brigitte weiterhin im Hause leben. Doch schon wenig später, als die Herrschaften über Pfingsten außer Haus sind, lädt Brigitte den Geliebten zu sich ein. Der lässt sich die Kasse zeigen und reißt sich einige Papier unter den Nagel.

Als Brigitte merkt, dass ihr Geliebter solch Niederträchtiges im Sinn hat, macht sie sich heimlich aus dem Staub. Das Gedicht endet damit, dass es darüber berichtet, dass die beiden – unabhängig voneinander – aufgegriffen und gefangen genommen wurden.

Spannend ist der Hinweis in der letzten Strophe, wenngleich dieser nur indirekt etwas offenbart. Brigitte wurde nämlich an einem Ort aufgegriffen, über den sich nicht sagen lässt, welcher genau gemeint ist. Naheliegend wäre ein Bordell, wo in jener Zeit zahlreiche junge Frauen landeten, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurden.

Ob die Ballade, indem sie darauf verweist, dass man darüber nicht spricht, an diesem Umstand Kritik übt, kann nur gemutmaßt werden. Der leichte Ton des Textes könnte die These stützen, dass hierbei ein bewusster Widerspruch zwischen der heiteren Darstellung und der Realität junger Frauen in jener Zeit geschaffen wurde.