Meister Lampe, teils auch nur Lampe, ist der Name des Hasen in der Fabel. Folglich handelt es sich bei der Bezeichnung um ein Fabeltier, wie etwa Isegrim für den Wolf, Grimbart für den Dachs oder Adebar für den Storch. Dabei werden Meister Lampe in der Fabel ganz bestimmte menschliche Charaktereigenschaften zugeschrieben: so erscheint er zumeist sehr ängstlich und vorsichtig, ist mitunter aber auch vorlaut und übermütig. Entscheidend ist, dass sich diese Eigenschaften im Laufe der Erzählung nicht ändern: Meister Lampe entwickelt sich also nicht, weshalb für Leser und Zuhörer schon vorab ersichtlich ist, wie er sich in Fabeln, Märchen und Sagen verhalten wird.

Der Begriff ist eine Kurzform des Namens Lamprecht, wie der Hase in der Fabel ursprünglich genannt wurde. Beispielsweise tragen sämtliche Tiere im Epos Reineke Fuchs, das in Versen und Prosa verfasst ist und dessen Ursprünge im europäischen Mittelalter liegen (vgl. Literaturepochen), männliche Vornamen oder eben Koseformen von diesen. So wird der Bär als Meister Petz bezeichnet, wobei Petz als Koseform von Bernhard gilt und der Fuchs, der Reineke genannt wird, hört auf die norddeutsche Entsprechung des Vornamens Reinhard, wohingegen Lampe die Verkürzung des Namens Lamprecht darstellt.Der gestiefelte Kater, Illustration von Carl Offterdinger

Meister Lampe in der Jägersprache

Im Fachjargon der Jäger, der Jägersprache, wird nicht der Hase selbst, sondern ein Teil seines Fells als Lampe bezeichnet: nämlich die helle oder gar weiße Unterseite seines Schwanzes. Diese Fellzeichnung sieht man vor allem dann, wenn der Hase flüchtet, also vom Betrachter wegläuft.

Ist der Hase nämlich auf der Flucht, reckt er seinen Schwanz nach oben und präsentiert so die weiße Färbung, die als Lampe bezeichnet wird. Da der Hase allerdings springt und darüber hinaus Haken schlägt, wenn er flüchtet, ist diese weiße Färbung nicht konstant zu sehen, sondern leuchtet immer nur kurz auf. Auch dieses „Aufleuchten“ kann zum Teil dafür verantwortlich sein, dass sich die Bezeichnung Lampe etabliert hat, wenngleich das Nomen hierbei nicht das Tier, sondern das Fell beschreibt.

Angeblich kann dieses „Aufleuchten“ auf einen möglichen Verfolger verwirrend wirken, da der helle Fokuspunkt, immer neu eingeordnet werden muss, wodurch das Tier unter Umständen einige Sekunden oder Sekundenbruchteile wettmachen kann, um so erfolgreich zu fliehen. Diese These geht auf den Evolutionsbiologen Dirk Semmann von der Universität Göttingen zurück (→ Quelle).

Beispiele aus der Literatur

Es gibt viele Belege für die Verwendung des Namens Meister Lampe. Nachfolgend einige Beispiele: ein Märchen von Nicolas Gredt, ein Gedicht von Richard Fedor Leopold Dehmel, eine Fabel von Jean de La Fontaine sowie den Auszug aus einem Roman von Marie von Ebner-Eschenbach.

Der seltsame Hase bei Nospelt (Nicolas Gredt)

Ein Schneiderlein von Nospelt kehrte einst zur späten Abendzeit von einem Nachbardorf heimwärts. In der einen Hand das Bügeleisen, in der anderen die Elle, schritt er rüstig darauf los. Wie er so in Gedanken vertieft bei »Kluntschenkreuz« kam, guckte der Mond vorwitzig zwischen zwei Wolken hervor, gerade zur rechten Zeit, damit unser Schneiderlein einen stattlichen Hasen sehen konnte, der einige Schritte abseits am Wege lag und alle viere von sich streckte.

Schnell band er sein Strumpfband los, befestigte damit des Hasen Läufe aneinander und hing ihn an der Elle über den Rücken. Wie er aber, seines Glückes froh, so weiter ging, ließ Meister Lampe die Löffel immer tiefer herniederhängen und wurde auch immer schwerer. Das Schneiderlein brummte in den Bart hinein. Es konnte kaum mehr von der Stelle kommen, so schwer war der Findling geworden.

Da ward das Schneiderlein ärgerlich und rief: »Und solltest du auch noch einmal so schwer werden, fort mußt du mit mir und da kann dir alles nichts helfen.« Kaum aber hatte er diese Worte keuchend ausgestoßen, als Meister Lampe sich auf des Schneiders Rücken zu rühren begann und mit einer Stimme, die lange noch in den Ohren seines Trägers wiedergellte, ebenfalls rief: »Und ich gehe nicht mit und solltest du auch vor Ärger aus der Haut fahren!« Daß der Schneider den geheimnisvollen Burschen fallen ließ und die Flucht ergriff, braucht nicht erst gesagt zu werden.

So im Wandern (Richard Fedor Leopold Dehmel)

Ein silbern klein Herze,
von Golde ein’n Ring,
die gab sie mir, als ich
wandern ging,

und that in das Herze
ihr Bild hinein;
so einsam der Morgen,
bin doch nicht allein …

Arme Padde im Gleise,
zerquetscht liegst du.
Ich wandre meine Straße
und wandre immer zu.

Schon teilt sich der Nebel
und schimmert die Welt,
im Sonnenschein glitzert
das Aehrenfeld;

die Hummeln summen,
die Lerchen klingen;
die Birken wehen,
die Zweige schwingen;

die Pappeln, die schütteln
die Blätter im Wind;
sie flüstern, sie singen
von meinem fernen Kind.

Das Herzelein nehm’ich
vom seidenen Band
und leg’s in das Ringlein
in meiner Hand,

so streit ich und schau
als ein Zeichen mir’s an:
so halt ich in Treuen
ohn Ende Dich umfahn …

Was rennst, Meister Lampe?
heut jag’ich nicht.
Ich wandre, ich schreite;
die Sonne sticht.

In Dorfes Mitten
der Friedhof sich hebt;
wie wird’s gar kühl sich ruhen,
wenn man mich einst begräbt!

zwei weiße Rosen biegen
ums Grabkreuz die Aest,
drauf steht mein Nam geschrieben;
bis der Regen ihn löscht …

Hinterm Kirchlein die Schenke
heißt »Zu den 3 Linden«;
da wird ein Ruheplätzchen
sich auch wol noch finden!

Ei Tausend, mein Schätzchen:
so schmuck, und allein?
Ei komm doch, rück näher;
trink aus, schenk ein! –

Na Schätzel, was weinst denn?
Ja, die Welt ist hohl,
die Welt ist ne Flasche:
trink aus! leb wohl! –

Was wackelt der Pfahl da?
der ist wol betrunken!
Ich wandre, ich schreite,
in Sinnen versunken.

Wir war’n ja so alleine;
und sie, sie so weit!
ich will ihr Alles sagen,
bis sie mir verzeiht …

Und am End meiner Reise
steht mein elterlich Haus,
da schaut mein lieb Mütterchen
am Fenster nach mir aus;

und drinnen sitzt mein Vater,
wie’n König auf sei’m Thron,
und will’s nicht verraten,
daß er wart’t auf sein’n Sohn …

Nun will ich nicht sinnen,
ob man glücklich kann werden;
der Himmel ist hoch,
und wir leben auf Erden –
schrumm!

Der Hase und die Schildkröte (Jean de La Fontaine)

Es nützt uns nicht der schnellste Lauf,
Bricht man zur rechten Zeit nicht auf.
Bezeugt wird dies von Schildkröte und Hase.
»Ich wette,« sagte jene einst im Grase
Der Uferwiesen, »daß du nicht so bald wie ich
Das Ziel erreichst.« Vor Lachen wälzte sich
Der leichtfüßige Hase:
»Du bist wohl nicht gescheit, geschwätzige Base!
Nimm Nieswurzkörner ein, sie heilen dich
Vielleicht von deinem Irrwahn noch.«
»Sag, was du willst, ich wette doch!«
Man schloß den Pakt und legte gleich beim Ziel
Den Einsatz nieder. Was – wieviel –
Ist einerlei, auch wer der Richter war im Spiel.
Vier Sprünge brauchte Meister Lampe nur zu machen.
Wie oft schon hatte er, umringt von Hunden,
Im letzten Augenblick mit Spott und Lachen
Aus aller Not sich blitzgeschwind herausgewunden.
Da er nun diesmal glaubte Zeit genug zu haben,
Zu warten und zu ruhn und sich am Kraut zu laben,
So läßt er unbesorgt die Andere traben.
So langsam die auch ist, sie strengt sich kräftig an,
Und kommt, trotz ihres Senatorengangs, voran.
Ihn kümmert’s nicht, muß ihm ja doch bei seinem Springen
Im Augenblick der Sieg gelingen.
Der Ruhm des Sieges ist für ihn nur klein,
Unwürdig scheint er ihm zu sein.
Er frißt, er ruht, belustigt sich mit hundert Dingen,
Es drängt ihn nichts. Erst als die Gegnerin
Schon nah beim Ziele ist und beim Gewinn,
Fliegt pfeilgeschwind er hin.
Umsonst! Der Sieg war nicht mehr zu erringen.
Schildkröte kam vor ihm als erste an.
Sie rief: »Nun, bin ich wirklich nicht gescheit?
Was nützte dir denn deine Schnelligkeit?
Ich bin es, die den Preis gewann!
Wie aber säh’s mit dir, du Leichtfuß, dann erst aus,
Trügst du auch noch, gleich mir, ein schweres Panzerhaus!«

Unsühnbar [Auszug] (Marie von Ebner-Eschenbach)

Die Treiber begannen ihre Klappern zu rühren. Ein zerlumpter Junge in durchlöcherten Socken sprang vor Maria her, offenbar in der Absicht, von ihr bemerkt zu werden. Er jagte auch wirklich einen Hasen auf. Dann rückten drei andere nach, vier, sechs … Der erste Schuß knallte, ein großer, fetter Hase stürzte und blieb auf der Stelle.

»Das war die Betty«, murmelte Clemens, und ein Ausdruck leidenschaftlichen Neides umzuckte seinen Mund. Seine Hände zitterten, er schoß und fehlte, schoß wieder und traf, aber schlecht. Auf drei Läufen sprang sein Opfer dem nächsten Nachbarn in den Schuß. Nun nahm er sich zusammen, nun war er wieder er selbst. Wohl dem Meister Lampe, der ihm kam, er hatte nicht lange zu leiden.

Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Meister Lampe
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001