Als Epanodos wird ein Stilmittel der Wiederholung bezeichnet, das in allen Gattungen verwendet wird. Die Epanodos meint, dass die einzelnen Wörter eines Satzes in der umgekehrten Wortfolge wiederholt werden. Das bedeutet, dass die Satzglieder des Satzes gespiegelt werden, wobei das erste Wort des Satzes an das Ende rückt. Die Epanodos ist eine Sonderform des Chiasmus. Dabei werden auch die Satzglieder gespiegelt, wobei es aber nicht erforderlich ist, dass die Wörter beibehalten werden.

Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab und lässt sich in etwa mit Rückweg übersetzen. Hierbei zeigt uns die Übersetzung, worum es grundsätzlich geht: die einzelnen Wörter eines Satzes finden ihren Weg zurück [und werden in umgekehrter Reihenfolge erneut genannt]. Schauen wir dafür auf ein Beispiel.


Das Ende kommt, es kommt das Ende!

Im obigen Beispiel wird ersichtlich, dass die einzelnen Wörter wiederholt werden. Die Reihenfolge im ersten Teil ist dabei Subjekt (das Ende) und Prädikat (kommt). Dieser Aufbau wird im nächsten Satz gespiegelt. Das bedeutet, dass die Reihung aus Prädikat (kommt) und Subjekt (das Ende) besteht. Wesentlich ist dabei aber nicht nur eine Kreuzstellung der Satzglieder, sondern auch eine Wiederholung der gleichen Wörter. Streng genommen geht es hierbei um die tatsächliche Umkehr der Wortreihenfolge. Noch ein weiteres Beispiel:


Ja, ich will gehn, gehn will ich, und all meine Gedanken,
sie, wie Götter, versammeln, sie wollen erfinden und töten!

Die obigen Beispielverse sind dem Werk Messias von Friedrich Gottlieb Klopstock, einem deutschen Dichter der Empfindsamkeit, entnommen. Hierbei wird die strenge Auffassung der Epanodos deutlich: nämlich die tatsächliche Umkehr der einzelnen Wörter, was im letzten Beispiel nicht der Fall war. Noch ein Beispiel:


Verlor ich’s? War es doch im Augenblick
Vor meiner Seele noch im vollen Glanz.
Ja, ich verlor’s! Du rufst’s, Unglücklicher,

Dieses Beispiel ist ein Auszug aus Die natürliche Tochter: ein Trauerspiel von Johann Wolfgang von Goethe. Auch dabei wird der Wortlaut in einer umgekehrten Reihenfolge wiederholt. Weiterhin wird in diesem Beispiel ersichtlich, dass die Wiederholung der Epanodos nicht unmittelbar sein muss. Es können somit einige Sätze zwischen der Wiederholung stehen, wenn die Nachbarschaft der Wiederholung dennoch erhalten bleibt.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Stilfigur im Überblick

  • Das Stilmittel der Epanodos meint, dass die Wörter eines Satzes in umgekehrter Reihenfolge wiederholt werden, auch wenn durchaus Einschübe zulässig sind. Verwandt ist die Stilfigur demnach mit dem Chiasmus, bei dem die Satzglieder in einer umgekehrter Reihenfolge wiederholt werden Hier handelt es sich aber tatsächlich um die gleichen Wörter.
  • Solche Wortwiederholungen haben meist eine ähnliche Wirkung: sie verstärken das Gesagte oder können die Sprache eindringlicher erscheinen lassen und außerdem auf Wichtiges hinweisen. Weiterhin ist das Wiederholen ein typisches Stilmittel in Kinderreimen oder magischen Formeln. Im Vortrag kann die Figur eine Sache einprägsamer machen.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Epanodos
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001