Der Kyklos ist ein Stilmittel, das uns vornehmlich in der Lyrik begegnet. Grundsätzlich können wir die Stilfigur jedoch in Texten aller Art ausmachen. Der Kyklos ist eine rhetorische Figur der Wiederholung. Hierbei wird ein Satzglied oder das Anfangswort eines Satzes (Vers) an dessen Ende erneut gebraucht. Dadurch kann die Intensität, also Wirksamkeit, eines Wortes enorm verstärkt werden.

Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab (κύκλος) und lässt sich in etwa mit Kreis oder auch Ring übersetzen. Diese Übersetzung verdeutlicht außerdem, was das Stilmittel im Grunde ausmacht: er kreist einen Vers ein respektive umrahmt diesen.

Beispiel für den Kyklos in Goethes „Faust
Entbehren sollst du! sollst entbehren!

Der obige Vers ist aus Goethes Faust entnommen und entstammt einem Dialog im Studierzimmer zwischen Mephistopheles und Faust. Durch die Verwendung des Wortes „Entbehrung“ am Anfang des Verses und an dessen Ende wird der Inhalt durch das Wort gewissermaßen gerahmt. Der Fokus wird jedoch auf das Wort „Entbehren“ gelegt, wodurch der Kyklos die Aussage verstärkt.

Hinweis: In der Antike beschreibt der Begriff Kyklos außerdem eine Sicht auf den politischen Zyklus einer Zeit. Erstmals nannte Platon das Wort in diesem Zusammenhang in der „Politea“. Demnach rotieren die Machtformen eines Staates stets zwischen Demokratie, Aristokratie und Monarchie.

Stilmittel, die dem Kyklos ähneln

Der Kyklos ist ein Stilmittel der Wiederholung, weshalb er mitunter sehr schwierig von anderen Figuren der Wiederholung zu unterscheiden ist. Teils gleichen sich die einzelnen Figuren sogar.

Sehr nahe stehen der Stilfigur vor allem die Anapher, Epipher, Anadiplose und in Form eines Reimes der Kehrreim. Ähnlichkeiten finden sich teils auch beim Chiasmus, da sich in der chiastischen Kreuzstellung eine vergleichbare Struktur erkennen lässt.

Hinweis: Prinzipiell unterscheidet sich der Kyklos jedoch insofern von den genannten Stilmitteln, als dass sich die Wiederholung einerseits nur auf ein Wort (selten mehrere) bezieht und andererseits immer den Satz oder die semantische Einheit gerahmt oder eben eingekreist wird.

Beispiele für den Kyklos

Um abschließend noch auf die verschiedenen Erscheinungsformen der Stilfigur einzugehen, möchten wir das Ganze anhand einiger Beispiele verdeutlichen und illustrieren.

1. Beispiel aus Lessings „Der junge Gelehrte“
Unwissender, niederträchtiger Kerl!
hast du mir es nicht oft genug gesagt, daß ich mich aus der Stube fortmachen soll?
Kannst du dir denn aber nicht einbilden, daß die, welche im Kabinette hat sein dürfen,
auch Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein?
Unwissender, niederträchtiger Kerl!

Dieses Beispiel aus Lessings „Der junge Gelehrte“ vedeutlicht sehr schön, dass sich der Kyklos durchaus über mehrere Sätze erstrecken kann und dennoch eine semantische Einheit rahmt. Hierbei haben wir es außerdem mit einer Wiederholung des ganzen Satzes zu tun und nicht nur mit einem einzigen Wort. Durch die Wiederholung wird die Aufmerksamkeit stark auf die Aussage „Unwissender, niederträchtiger Kerl!“ gelenkt und diese enorm verstärkt.

2. Beispiel anhand von Shakespeare
Gedenk des März, der Iden des März gedenk

Dieses Shakespeare-Zitat offenbart die grundsätzliche Struktur des Kyklos. Hier wird ein einziges Wort zu Beginn des Verses eingeführt und an dessen Ende erneut benannt. Auch hier wird klar, dass das „Gedenken“ im absoluten Vordergrund stehen soll, was durch die Stilfigur realisiert wird.

3. Beispiel durch eine konstruierte Strophe
Nein, nein, das kann nicht sein: nein!
Frei, frei, das möcht ich sein: frei!

Das obige Beispiel für den Kyklos ist keinem Autoren zuzuordnen, sondern frei erfunden. Hierbei wurden Geminatio (Unmittelbare Dopplung zweier Wörter: „Nein, nein“ und „Frei, frei“) und Kyklos miteinander kombiniert, um die Aussage zu verschärfen. Die Rahmung durch die Stilfigur ist hier sehr deutlich!

Das Wichtigste im Überblick

  • Der Kyklos ist eine Stilfigur der Wiederholung. Dabei wird ein Wort oder Satzglied an Anfang und Ende einer semantischen Einheit wiederholt.
  • Durch diese Wiederholung wird eine Aussage verstärkt und der Fokus auf ein Wort gelegt.
  • Der Begriff wird außerdem von Platon verwendet, um das politische System von Staaten zu erklären und die Abfolge unterschiedlicher Regierungsformen.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Kyklos
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001