Meister Lampe: Der Hase in der Fabel
Fabeltiere verstehen · Hase
Meister Lampe ist eine bekannte literarische Bezeichnung für den Hasen. In Fabeln kann er ängstlich und verletzlich, aber auch übermütig und selbstsicher auftreten. Besonders deutlich wird die zweite Rolle in Der Hase und die Schildkröte: Der Hase besitzt die größere Geschwindigkeit, nutzt seinen Vorsprung jedoch nicht. Seine Niederlage erklärt sich aus seinem Verhalten, nicht aus einem plötzlich fehlenden Können.
Welche Eigenschaften hat der Hase als Tierfigur?
Die folgende Übersicht bezieht die Eigenschaftswörter auf die unten erklärten Texte. Verwende ein Wort erst dann, wenn du das zugehörige Verhalten im Text zeigen kannst.
| Eigenschaft / Rolle | Woran erkennbar? | Genau einordnen |
|---|---|---|
| schnell | Der Hase könnte die Strecke in kurzer Zeit bewältigen. | Die Fähigkeit ist vorhanden, garantiert aber keinen Erfolg. |
| überheblich | Er nimmt die Herausforderung der Schildkröte nicht ernst. | Er unterschätzt eine andere Stärke: rechtzeitig und ausdauernd zu handeln. |
| nachlässig | Er verzögert den Start und beschäftigt sich mit anderem. | Seine Entscheidung macht den eigenen Vorteil wirkungslos. |
Name, Bezeichnung und Herkunft
Lampe ist eine ältere Kurzform des Vornamens Lamprecht. In Verbindung mit Meister wird daraus eine vertrauliche Tierbezeichnung. Goethes Reineke Fuchs verwendet Lampe für den Hasen. Davon zu unterscheiden ist die gleich geschriebene Lampe als Leuchte. Die helle Schwanzunterseite des Hasen wird in jagdsprachlichen Erklärungen ebenfalls mit dem Lampenbild verbunden; für die historische Erklärung des Figurennamens ist jedoch die Namensform maßgeblich.
La Fontaine: Der Hase und die Schildkröte
Handlung in eigenen Worten wiedergegeben; keine wörtliche Textwiedergabe.
Die Schildkröte fordert den Hasen zu einem Wettlauf heraus. Er hält das für lächerlich, weil er ihr an Schnelligkeit weit überlegen ist. Die Schildkröte beginnt dennoch ihren Weg und kommt stetig voran. Der Hase glaubt, reichlich Zeit zu haben. Er frisst, ruht und beschäftigt sich mit anderen Dingen. Erst als seine Gegnerin fast am Ziel ist, läuft er los. Sein schneller Endspurt reicht nicht mehr.
In der hier erhaltenen deutschen Übertragung von La Fontaines Fabel ist die Aussage schon auf den rechtzeitigen Aufbruch gerichtet. Entscheidend ist daher nicht nur „Langsam schlägt schnell“. Vielmehr bringt die Schildkröte ihre begrenzte Geschwindigkeit konsequent zum Einsatz, während der Hase seine größere Fähigkeit durch Verzögerung entwertet. Können und zweckmäßiges Handeln fallen auseinander.
Was zeigt das Beispiel?
Der Hase scheitert an einer Einschätzung, die aus einem realen Vorteil eine sichere Siegesgewissheit macht. Gerade weil er schnell ist, hält er Ausdauer und rechtzeitiges Beginnen für entbehrlich. Die Schildkröte muss seine Fähigkeit nicht übernehmen, um erfolgreich zu sein. Sie handelt unter ihren eigenen Bedingungen besser auf das Ziel hin. Eine Charakterisierung sollte deshalb den Zusammenhang zwischen Überlegenheit, Unterschätzung und Zeitverlust erklären.
Angst und Übermut gehören zu verschiedenen Situationen
In Goethes Reineke Fuchs gerät Lampe dagegen in die Gewalt des Fuchses und wird dessen Opfer. Diese Figur lässt sich nicht mit der siegessicheren Wettlauffigur gleichsetzen. Ebenso ist Grimms Der Hase und der Igel ein anderes Tiermärchen und kein zusätzlicher Abschnitt des Wettlaufs mit der Schildkröte. Die Igel-Seite zeigt eine weitere, argumentativ ganz anders angelegte Tierrolle bei Lessing.
Hase charakterisieren: Beispiel mit Erklärung
Eine Charakterisierung verbindet eine Aussage über die Figur mit einer passenden Beobachtung und ihrer Bedeutung. Der folgende Absatz ist eine eigene Musterformulierung zur besprochenen Literatur, kein Zitat aus dem Werk.
Der Hase erscheint in La Fontaines Wettlauffabel als überheblich und nachlässig. Seine tatsächliche Schnelligkeit verleitet ihn dazu, die Schildkröte als Gegnerin nicht ernst zu nehmen. Statt den Vorteil rechtzeitig zu nutzen, verschiebt er den Aufbruch und widmet sich anderen Beschäftigungen. Der späte Endspurt zeigt, dass ihm die Fähigkeit nicht fehlt, sondern ihre angemessene Anwendung. Seine Niederlage macht damit die Grenze bloßen Könnens sichtbar, wenn es nicht mit zielgerichtetem Handeln verbunden wird.
Der Absatz erfindet keine heimliche Behinderung und keine veränderte Laufstrecke. Auch ein fester Schlaf ist nicht erforderlich, wenn die betrachtete Übersetzung lediglich Essen, Ruhe und andere Beschäftigungen nennt. Die Einzelheiten deiner Fassung geben den Ausschlag.
Ergänze in einer schulischen Analyse die tatsächlichen Textstellen deiner Ausgabe. Zeilenangaben dürfen nur aus dem vorliegenden Text stammen.
Grammatik und richtige Schreibweise
Wortart: Nomen (Substantiv). Grammatisches Geschlecht: maskulin. Die Tabelle zeigt die Tierbezeichnung Hase im Singular und Plural.
| Fall | Singular | Plural |
|---|---|---|
| Nominativ (wer/was?) | der Hase | die Hasen |
| Genitiv (wessen?) | des Hasen | der Hasen |
| Dativ (wem?) | dem Hasen | den Hasen |
| Akkusativ (wen/was?) | den Hasen | die Hasen |
Hase gehört zur schwachen Deklination: Nur der Nominativ Singular lautet Hase, alle übrigen Formen heißen Hasen. Die Tierbezeichnung hat den Artikel der. Der Eigenname Lampe folgt einer anderen Bildung, etwa „Lampes Vorsprung“. Er ist nicht mit „die Lampe“ als Bezeichnung einer Leuchte gleichzusetzen.
Eigene Satzbeispiele: Die Schnelligkeit des Hasen ist groß. Die Schildkröte widerspricht dem Hasen. Am Ziel erwartet sie den Hasen.
Übung: Beobachten, deuten, begrenzen
Selbst erfundene Übungsszene · keine historische Fabel
Eigene erfundene Szene: Ein Hase kann Aufgaben besonders schnell lösen. Er beginnt aber erst kurz vor der Abgabe. Eine langsamer arbeitende Schildkröte hat regelmäßig kleine Teile erledigt und ist pünktlich fertig. Was bleibt am Vergleich zum Wettlauf erhalten?
Lösung und Begründung anzeigen
Erhalten bleibt der Unterschied zwischen vorhandener Fähigkeit und ihrem rechtzeitigen Einsatz. Der Hase ist nicht plötzlich weniger begabt; er plant seinen Beginn falsch. Die Schildkröte nutzt gleichmäßiges Arbeiten. Die Übertragung auf eine Schulaufgabe ist hier ausdrücklich erfunden und kein Teil der historischen Fabel.
Historische Bilder und Textbeispiele
Die folgenden literarischen Beispiele des bisherigen Artikels bleiben zum Nachlesen erhalten. Sie zeigen auch Verwendungen außerhalb der kurzen Tierfabel; Werk und Gattung sind jeweils zu unterscheiden.

Überlieferte Textbeispiele vollständig lesen
Beispiele aus der Literatur
Es gibt viele Belege für die Verwendung des Namens Meister Lampe. Nachfolgend einige Beispiele: ein Märchen von Nicolas Gredt, ein Gedicht von Richard Fedor Leopold Dehmel, eine Fabel von Jean de La Fontaine sowie den Auszug aus einem Roman von Marie von Ebner-Eschenbach.
Der seltsame Hase bei Nospelt (Nicolas Gredt)"
Ein Schneiderlein von Nospelt kehrte einst zur späten Abendzeit von einem Nachbardorf heimwärts. In der einen Hand das Bügeleisen, in der anderen die Elle, schritt er rüstig darauf los. Wie er so in Gedanken vertieft bei »Kluntschenkreuz« kam, guckte der Mond vorwitzig zwischen zwei Wolken hervor, gerade zur rechten Zeit, damit unser Schneiderlein einen stattlichen Hasen sehen konnte, der einige Schritte abseits am Wege lag und alle viere von sich streckte.Schnell band er sein Strumpfband los, befestigte damit des Hasen Läufe aneinander und hing ihn an der Elle über den Rücken. Wie er aber, seines Glückes froh, so weiter ging, ließ Meister Lampe die Löffel immer tiefer herniederhängen und wurde auch immer schwerer. Das Schneiderlein brummte in den Bart hinein. Es konnte kaum mehr von der Stelle kommen, so schwer war der Findling geworden.
Da ward das Schneiderlein ärgerlich und rief: »Und solltest du auch noch einmal so schwer werden, fort mußt du mit mir und da kann dir alles nichts helfen.« Kaum aber hatte er diese Worte keuchend ausgestoßen, als Meister Lampe sich auf des Schneiders Rücken zu rühren begann und mit einer Stimme, die lange noch in den Ohren seines Trägers wiedergellte, ebenfalls rief: »Und ich gehe nicht mit und solltest du auch vor Ärger aus der Haut fahren!« Daß der Schneider den geheimnisvollen Burschen fallen ließ und die Flucht ergriff, braucht nicht erst gesagt zu werden.
So im Wandern (Richard Fedor Leopold Dehmel)
Ein silbern klein Herze,
von Golde ein'n Ring,
die gab sie mir, als ich
wandern ging,
und that in das Herze
ihr Bild hinein;
so einsam der Morgen,
bin doch nicht allein ...
Arme Padde im Gleise,
zerquetscht liegst du.
Ich wandre meine Straße
und wandre immer zu.
Schon teilt sich der Nebel
und schimmert die Welt,
im Sonnenschein glitzert
das Aehrenfeld;
die Hummeln summen,
die Lerchen klingen;
die Birken wehen,
die Zweige schwingen;
die Pappeln, die schütteln
die Blätter im Wind;
sie flüstern, sie singen
von meinem fernen Kind.
Das Herzelein nehm'ich
vom seidenen Band
und leg's in das Ringlein
in meiner Hand,
so streit ich und schau
als ein Zeichen mir's an:
so halt ich in Treuen
ohn Ende Dich umfahn ...
Was rennst, Meister Lampe?
heut jag'ich nicht.
Ich wandre, ich schreite;
die Sonne sticht.
In Dorfes Mitten
der Friedhof sich hebt;
wie wird's gar kühl sich ruhen,
wenn man mich einst begräbt!
zwei weiße Rosen biegen
ums Grabkreuz die Aest,
drauf steht mein Nam geschrieben;
bis der Regen ihn löscht ...
Hinterm Kirchlein die Schenke
heißt »Zu den 3 Linden«;
da wird ein Ruheplätzchen
sich auch wol noch finden!
Ei Tausend, mein Schätzchen:
so schmuck, und allein?
Ei komm doch, rück näher;
trink aus, schenk ein! –
Na Schätzel, was weinst denn?
Ja, die Welt ist hohl,
die Welt ist ne Flasche:
trink aus! leb wohl! –
Was wackelt der Pfahl da?
der ist wol betrunken!
Ich wandre, ich schreite,
in Sinnen versunken.
Wir war'n ja so alleine;
und sie, sie so weit!
ich will ihr Alles sagen,
bis sie mir verzeiht ...
Und am End meiner Reise
steht mein elterlich Haus,
da schaut mein lieb Mütterchen
am Fenster nach mir aus;
und drinnen sitzt mein Vater,
wie'n König auf sei'm Thron,
und will's nicht verraten,
daß er wart't auf sein'n Sohn ...
Nun will ich nicht sinnen,
ob man glücklich kann werden;
der Himmel ist hoch,
und wir leben auf Erden –
schrumm!
Der Hase und die Schildkröte (Jean de La Fontaine)
Es nützt uns nicht der schnellste Lauf,
Bricht man zur rechten Zeit nicht auf.
Bezeugt wird dies von Schildkröte und Hase.
»Ich wette,« sagte jene einst im Grase
Der Uferwiesen, »daß du nicht so bald wie ich
Das Ziel erreichst.« Vor Lachen wälzte sich
Der leichtfüßige Hase:
»Du bist wohl nicht gescheit, geschwätzige Base!
Nimm Nieswurzkörner ein, sie heilen dich
Vielleicht von deinem Irrwahn noch.«
»Sag, was du willst, ich wette doch!«
Man schloß den Pakt und legte gleich beim Ziel
Den Einsatz nieder. Was – wieviel –
Ist einerlei, auch wer der Richter war im Spiel.
Vier Sprünge brauchte Meister Lampe nur zu machen.
Wie oft schon hatte er, umringt von Hunden,
Im letzten Augenblick mit Spott und Lachen
Aus aller Not sich blitzgeschwind herausgewunden.
Da er nun diesmal glaubte Zeit genug zu haben,
Zu warten und zu ruhn und sich am Kraut zu laben,
So läßt er unbesorgt die Andere traben.
So langsam die auch ist, sie strengt sich kräftig an,
Und kommt, trotz ihres Senatorengangs, voran.
Ihn kümmert's nicht, muß ihm ja doch bei seinem Springen
Im Augenblick der Sieg gelingen.
Der Ruhm des Sieges ist für ihn nur klein,
Unwürdig scheint er ihm zu sein.
Er frißt, er ruht, belustigt sich mit hundert Dingen,
Es drängt ihn nichts. Erst als die Gegnerin
Schon nah beim Ziele ist und beim Gewinn,
Fliegt pfeilgeschwind er hin.
Umsonst! Der Sieg war nicht mehr zu erringen.
Schildkröte kam vor ihm als erste an.
Sie rief: »Nun, bin ich wirklich nicht gescheit?
Was nützte dir denn deine Schnelligkeit?
Ich bin es, die den Preis gewann!
Wie aber säh's mit dir, du Leichtfuß, dann erst aus,
Trügst du auch noch, gleich mir, ein schweres Panzerhaus!«
Unsühnbar [Auszug] (Marie von Ebner-Eschenbach)
Die Treiber begannen ihre Klappern zu rühren. Ein zerlumpter Junge in durchlöcherten Socken sprang vor Maria her, offenbar in der Absicht, von ihr bemerkt zu werden. Er jagte auch wirklich einen Hasen auf. Dann rückten drei andere nach, vier, sechs ... Der erste Schuß knallte, ein großer, fetter Hase stürzte und blieb auf der Stelle.
»Das war die Betty«, murmelte Clemens, und ein Ausdruck leidenschaftlichen Neides umzuckte seinen Mund. Seine Hände zitterten, er schoß und fehlte, schoß wieder und traf, aber schlecht. Auf drei Läufen sprang sein Opfer dem nächsten Nachbarn in den Schuß. Nun nahm er sich zusammen, nun war er wieder er selbst. Wohl dem Meister Lampe, der ihm kam, er hatte nicht lange zu leiden.
