Der Alexandriner ist ein Versmaß, das ursprünglich aus der französischen Renaissancedichtung stammt. In Deutschland war er vor allem im 17. und 18. Jahrhundert populär (Literaturepochen). Der Alexandriner ist eine sechshebige Jambenzeile, die nach der dritten Hebung, also der sechsten Silbe, eine Zäsur hat (Einschnitt, Sprechpause) und mit einem Auftakt beginnt.

Der Alexandriner lässt sich erstmalig in der französischen Epik des 12. Jahrhunderts nachweisen, wo er im Roman d’Alexandre, einem Versepos, auftaucht. Popularität erlangte er jedoch erst im Frankreich des 15. und 16. Jahrhunderts und wird hier zum bevorzugten Vers der französischen Tragödie.

Doch erst ein Jahrhundert später erklärte Martin Opitz, ein Dichter des Barocks, den Alexandriner in leicht abgewandelter Form zum wesentlichen Versmaß der deutschen Dichtung. Folgendermaßen hielt er dies zunächst in seiner Deutschen Poeterey aus dem Jahr 1624 fest:


„Unter den jambischen Versen sind die zuvörderst zu setzen, welche man Alexandrinische […] zu nennen pfleget, und werden anstatt der Griechen und Römer heroische Verse gebraucht: Ob gleych Ronsard Vers communs die gemeinen Verse hierzu tüchtiger zu sein vermeinet; weil die Alexandrinischen wegen ihrer Weitläufigkeit der ungebundenen und freyen Rede zu sehr ähnlich sind, wann sie nicht ihren Mann finden, der sie mit lebendigen Farben herauszustreichen weiss.“


Hinweis: Leicht abgewandelt meint hier, dass die Gestaltung, die Opitz für den Alexandriner vorsah, ein wenig strenger war, als sie in der ursprünglichen Form angelegt ist. Schauen wir also erst den Aufbau an und dann auf die Unterschiede zwischen deutschem und französischem Alexandriner.

Aufbau des Alexandriners

Der Alexandriner ist ein jambisch alternierender sechshebiger Reimvers. Das bedeutet, dass er auftaktisch beginnt (unbetonte Silbe), worauf sechs Hebungen mit je einer Senkung folgen. Das Versende, also die Kadenz, kann sowohl weiblich (unbetont) als auch männlich (betont) sein. Demnach kann der Alexandriner entweder aus 12 oder 13 Silben gebildet werden.

Den Mittelpunkt des alexandrinischen Verses bildet eine Zäsur (Einschnitt, Sprechpause), die folglich nach sechs Silben, also drei Hebungen, erfolgt. Diese Zäsur bedeutet nicht nur einen Einschnitt, sondern kann auch den Ausgang einer antithetischen oder parallelen Gestaltung bilden. Schauen wir auf ein Beispiel.


DU sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auf erden.
Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:
Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.

Das obige Beispiel ist eine Strophe aus dem Sonett Es ist alles eitell von Andreas Gryphius, welches er im Jahr 1637 verfasste, und ein typisches Beispiel für den Alexandriner. Gehen wir das Ganze schrittweise durch und benennen einmal die jeweiligen Merkmale des Alexandriners nacheinander.

Vorerst können wir feststellen, dass das bestimmende Versmaß des Textes der Jambus ist. Das heißt, dass sich eine unbetonte und eine betonte Silbe in den Verszeilen abwechseln. Dass sie sich abwechseln, nennt man gemeinhin alternierend. Das Werk ist somit jambisch alternierend, was sich farblich darstellen lässt, um es eindeutiger erkennen zu können (unbetonte Silbe, betonte Silbe).


DU sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auf erden.
Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:
Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.

Es ist ersichtlich, dass sich die betonten und unbetonten Silben im Alexandriner abwechseln (alternieren). Weiterhin können wir sehen, dass jede Verszeile genau sechs Hebungen aufweist und sich die erste und vierte sowie die zweite und dritte Zeile aufeinander reimen (erden und heerden, ein und sein). Wir haben herausgestellt, dass wir es mit einem jambisch alternierendem sechshebigem Reimvers zu tun haben: allesamt ganz eindeutige Merkmale eines alexandrinischen Verses.

Betrachten wir jetzt die Versenden der einzelnen Zeilen, wird ersichtlich, dass sie unterschiedlich betont sind. Die erste und vierte Zeile enden auf eine weibliche Kadenz (unbetont), die zweite und dritte jedoch auf eine männliche (betont). Da ein Jambus immer aus zwei Silben besteht (unbetont, betont), müssen die erste und letzte Zeile eine Silbe mehr haben, als die vorhergegangen, da sie unbetont enden.

Der erste und vierte Vers werden somit aus 13 Silben gebildet, wohingegen der zweite und dritte Vers nur 12 Silben vorweisen können. Für den Alexandriner spielt hierbei jedoch nur eine Rolle, dass der Vers aus maximal 13 Silben besteht, alternierend jambisch ist und demzufolge höchstens sechs Hebungen hat, weshalb die Kadenz durchaus wechseln kann (→ Kadenz).

13
12
12
13
DU sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auf erden. (weiblich)
Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein: (männlich)
Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein (männlich)
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden. (weiblich)

Nun fehlt nur noch eine klare Zäsur, um das Werk von Gryphius eindeutig als Alexandriner identifizieren zu können. Als Zäsur wird ein sprachlicher Einschnitt bezeichnet. Dieser Einschnitt bezeichnet grundsätzlich eine minimale Pause beim Lesen und wird im alexandrinischen Vers stets nach der sechsten Silbe, also der dritten Hebung, gesetzt und markiert an dieser Stelle häufig einen inhaltlichen Wandel (→ Antithese).

Liest man das Gedicht laut, macht man an den Stellen, wo eine Zäsur steht, unwillkürlich eine Pause. Die Querstriche (/) sind übrigens von Gryphius gesetzt und fallen nicht unbedingt mit der Zäsur zusammen. Wir merken beim Lesen, dass die Zäsur immer inmitten der Verse liegt und können diesen Umstand ebenfalls farblich hervorheben. Zur besseren Lesbarkeit, haben wir die Querstriche von Gryphius entfernt.

13
12
12
13
DU sihst wohin du sihst  |  nur eitelkeit auf erden. (weiblich)
Was dieser heute bawt  |  reist jener morgen ein: (männlich)
Wo itzund städte stehn  |  wird eine wiesen sein (männlich)
Auff der ein schäffers kind  |  wird spilen mitt den heerden. (weiblich)

Das farbige Beispiel entspricht somit dem typischen Alexandriner, wie er von Opitz bestimmt wurde, wobei wir nachweisen konnten, dass der Text alle wesentlichen Merkmale enthält. Die Strophe besteht aus jambisch alternierenden sechshebigen Reimversen, die männliche und weibliche Kadenzen aufweisen und aus 12 und 13 Silben bestehen, wobei eine Zäsur den Mittelpunkt der einzelnen Verszeilen bildet.

Im zweiten und dritten Vers wird vor allem deutlich, inwiefern der Alexandriner genutzt werden kann, um Parallelen oder Gegensätze aufzuzeigen. Im zweiten Vers wird etwas errichtet, was nach der Zäsur eingerissen wird. In der dritten Zeile ist es der Gegensatz zwischen Erbautem und Nicht-Erbautem.

Der französische Alexandriner

Es wurde beschrieben, dass Opitz den Alexandriner in einer abgewandelten Form zum Versmaß der deutschen Dichtung erklärte. Den ursprünglichen Alexandriner finden wir im Französischen.

Der französische Alexandriner ähnelt den vorgestellten alexandrinischen Versen des Gedichtes Es ist alles eitell. So besteht er ebenso aus 12 oder 13 Silben, die entweder männliche (12 Silben) oder weibliche (13 Silben) Kadenzen haben. Das bedeutet, dass die 12. Silbe im französischen Alexandriner immer betont ist.

Ebenso ist die Zäsur nach der sechsten Silbe verbindlich (obligatorisch), wodurch sich jede Verszeile in zwei Halbverse teilt. Allerdings muss die Zäsur die Verszeile nicht zwangsläufig in zwei Sinneinheiten unterteilen, sondern kann lediglich als Sprechpause funktionieren.

Außerdem unterscheidet sich der französische Alexandriner insofern, als dass ein strikt jambisches Versmaß nicht angestrebt oder zwingend notwendig ist. Zwar können die Verse ebenfalls alternierend sein, müssen es aber eben nicht, wodurch eine größere sprachliche Freiheit bei der Gestaltung besteht.

Weitere Beispiele für den Alexandriner

Um das Prinzip stärker zu verdeutlichen, möchten wir weitere Beispiele für den Alexandriner vorstellen. Diese orientieren sich dabei an der farblichen Gestaltung des obigen Textes.

12
Der schnelle Tag ist hin,  |  die Nacht schwingt ihre Fahn (männlich)

Dieses Beispiel stammt ebenfalls aus der Feder des Barockdichters Andreas Gryphius und ist dem Werk Abend entnommen. Auch hier können wir eine jambische Struktur deutlich erkennen, wobei die Zäsur einen antithetischen Raum zwischen Tag und Nacht eröffnet. Die Zeile besteht aus 12 Silben und endet männlich.

12
12
Blüh auf, gefrorner Christ,  |  der Mai ist vor der Tür:
Du bleibest ewig tot,  |  blühst du nicht jetzt und hier.

Diese Beispielverse sind aus dem Werk Der cherubinsche Wandersmann von Angelus Silesius. Auch hier wird ersichtlich, inwiefern die Antithese ein maßgebliches Mittel der Gestaltung ist und beinahe in einen Scheinwiderspruch überschlägt (→ Paradoxon).

Das Wichtigste zum Alexandriner in der Übersicht

  • Der Alexandriner stammt aus der Renaissancedichtung und taucht im Roman d’Alexandre auf. Er erlebte aber erst im Frankreich des 15. und 16. Jahrhundert seine große Blüte.
  • Knapp hundert Jahre später erklärte Martin Opitz den Alexandriner zum wesentlichen Versmaß der deutschen Dichtung. Der Alexandriner gilt als jambischer Reimvers, dessen Kadenzen männlich und weiblich sein können, wobei er stets sechs Hebungen haben muss. Den Mittelpunkt des Verses bildet eine Zäsur, die oftmals Sinnabschnitte trennt.
  • Man unterscheidet weiterhin in heroische und elegische Alexandriner. Heroische basieren auf Paarreimen, wohingegen elegische auf Kreuzreimen basieren (→ Reimschema, Elegie).
  • Hinweis: Im Laufe der Zeit wurde der Alexandriner als eintönig und zu begrenzt empfunden, was vor allem am strikten Aufbau lag. Vornehmlich wurde dies im Sturm und Drang deutlich, der sich vehement gegen starre Regeln in der Poetik wehrte. Allmählich wurde der Alexandriner so vom freieren und vor allem dynamischeren Blankvers verdrängt.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Alexandriner
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001