gestrig
Form & Grammatik
Adjektiv- Stichwort
- gestrig
- Worttrennung
- gest·rig
Zeitlich nur vor einem Nomen und nicht gesteigert: die gestrige Nachricht. Übertragen kann gestrig eine als rückständig bewertete Haltung auch prädikativ beschreiben.
Gestrig bedeutet wörtlich von gestern; übertragen bewertet es Anschauungen, Methoden oder Personen als überholt und rückständig.
Was bedeutet gestrig?
In seiner zeitlichen Bedeutung ordnet gestrig etwas dem vorherigen Tag zu. Das gestrige Gespräch hat gestern stattgefunden, eine gestrige Ausgabe ist von gestern. Darin liegt zunächst keine Kritik. Erst die übertragene Verwendung macht aus dem zeitlichen Zurückliegen ein Urteil über mangelnde zeitgemäße Entwicklung.
Wer eine Haltung gestrig nennt, hält sie für überholt oder rückständig. Gemeint können Vorstellungen über Zusammenleben, Arbeitsweisen oder politische Fragen sein. Die Bezeichnung ist deutlich kritisch und kann dazu dienen, einen Standpunkt knapp abzuwerten. Deshalb ist bei einer sachlichen Erklärung wichtig, welche konkrete Ansicht gemeint ist und warum sie als nicht mehr angemessen beurteilt wird.
Gestrig beschreibt in dieser Lesart kein biologisches Alter. Eine junge Figur kann an überholten Vorstellungen festhalten, während eine ältere offen für Veränderungen ist. Auch die Vorliebe für alte Möbel oder historische Musik macht jemanden nicht pauschal gestrig. Ein ästhetischer Geschmack und eine als rückständig bewertete Weltanschauung betreffen unterschiedliche Ebenen.
Drei Beispiele für gestrig
Eigene Sprachbeispiele mit Erläuterungen.
„Im gestrigen Gespräch hatten beide bereits einen neuen Termin vereinbart.“
Das Wort bezeichnet allein den Zeitpunkt. Eine negative Wertung ist nicht enthalten.
„Die Tochter nannte die Vorstellung gestrig, dass nur der Sohn über das gemeinsame Erbe mitentscheiden dürfe.“
Die Kritik richtet sich gegen eine konkrete, als überholt beurteilte Benachteiligung. Ihre Perspektive wird ausdrücklich genannt.
„Er trug gern alte Anzüge, lehnte aber gestrige Vorstellungen über die Rollen seiner Kinder ab.“
Das Beispiel trennt historischen Kleidungsstil von gesellschaftlichen Ansichten. Beides muss nicht zusammenfallen.
Synonyme für gestrig: passend zum Zusammenhang
Gestrig kann schlicht vom vorherigen Tag bedeuten oder eine Haltung als überholt bewerten. Die zeitliche Bedeutung ist neutral, die übertragene gewöhnlich kritisch. Vor einem Wortwechsel muss deshalb klar sein, ob du datierst oder eine Vorstellung nach einem Maßstab von Zeitgemäßheit beurteilst.
| Alternative | Passender Zusammenhang | Bedeutungsunterschied |
|---|---|---|
| vom Vortag | Eine Nachricht, Ausgabe oder Veranstaltung gehört zum vorangegangenen Tag. | Bewahrt die zeitliche Einordnung und lässt sich auch nach dem Nomen verwenden. |
| überholt | Eine Methode oder Auffassung gilt als nicht mehr angemessen oder brauchbar. | Benennt die kritische Bewertung direkter als das Bild des zeitlichen Zurückliegens. |
| rückständig | Eine Haltung bleibt hinter einer als fortschrittlich bewerteten Entwicklung zurück. | Ist ebenfalls wertend und kann einen umfassenderen Vorwurf ausdrücken. |
Eigene Satzbeispiele: Was ändert sich?
Ausgangssatz: „Die gestrige Nachricht liegt noch auf meinem Schreibtisch.“
Alternative: „Die Nachricht vom Vortag liegt noch auf meinem Schreibtisch.“
Die Umformulierung verändert nur den Satzbau. Sie sagt weiterhin nichts darüber, ob der Inhalt inzwischen falsch oder veraltet ist.
Ausgangssatz: „Die Schülerin hält das Unterrichtsmodell für gestrig.“
Alternative: „Die Schülerin hält das Unterrichtsmodell für überholt.“
Überholt macht die Kritik an der fehlenden Zeitgemäßheit ausdrücklich. Warum das Modell nicht mehr passen soll, müssen beide Fassungen zusätzlich erläutern.
Nicht gleichbedeutend: Altmodisch kann bei Kleidung liebevoll gemeint sein. Gestrig bewertet gesellschaftliche Ansichten meist schärfer. Eine Vorliebe für historische Musik oder alte Möbel reicht deshalb nicht aus, um eine Person insgesamt gestrig zu nennen.
Beim Formulieren: Zeitlich ist „die gestrige Ausgabe“ üblich; nachgestellt klingt „die Ausgabe ist von gestern“ natürlicher. Die übertragene Aussage „Seine Haltung ist gestrig“ ist dagegen ohne eine solche Umformulierung möglich.
In einer Analyse sollte sichtbar sein, wer welchen Fortschritt voraussetzt. Ein Urteil einer Figur kann ihre eigene Überzeugung zeigen. Es ist nicht automatisch eine objektive Einordnung aller älteren Gewohnheiten oder der Menschen, die sie pflegen.
Weitere Abgrenzungen: Ähnliche Wörter unterscheiden
- altmodisch
- Kann ebenfalls eine nicht mehr gegenwärtige Form bezeichnen, bei Kleidung oder Einrichtung aber auch liebevoll gemeint sein. Gestrig bewertet Ansichten gewöhnlich schärfer.
- fortschrittlich
- Lobt die Orientierung an einer als Verbesserung verstandenen Entwicklung. Beide Wörter enthalten in dieser Verwendung einen wertenden Maßstab.
- traditionsbewusst
- Betont die bewusste Pflege von Überliefertem. Daraus folgt nicht notwendig ein Festhalten an jeder überholten Regel.
Schreibung und Grammatik
Die Formen lauten der gestrige Tag, die gestrige Nachricht und gestrige Ansichten. Zeitlich wird das Adjektiv normalerweise vor einem Substantiv verwendet; statt die Nachricht ist gestrig sagt man gewöhnlich sie ist von gestern. In der übertragenen Bedeutung ist seine Haltung ist gestrig geläufig. Substantiviert: die Gestrigen.
Die Übersicht zu Adjektiven erklärt Beugung und Verwendung im Satz.
Beugung von gestrig
Eine gestrige Nachricht stammt vom Vortag; zeitlich steht das Wort gewöhnlich vor einem Nomen. Bei einer gestrigen Ansicht kann dagegen eine kritische Bewertung als überholt gemeint sein.
Die Endung vor einem Nomen richtet sich nach Fall, Geschlecht, Zahl und Begleiter. In der gemischten Beugung steht im Plural keine; ein hat keinen Plural.
Starke Beugung · ohne ArtikelDie Formen nach Fall, Geschlecht und Zahl vergleichen.
| Fall | Maskulin Singular | Feminin Singular | Neutrum Singular | Plural alle Genera |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | gestriger | gestrige | gestriges | gestrige |
| Genitiv | gestrigen | gestriger | gestrigen | gestriger |
| Dativ | gestrigem | gestriger | gestrigem | gestrigen |
| Akkusativ | gestrigen | gestrige | gestriges | gestrige |
Schwache Beugung · nach der, die, dasDie Formen nach Fall, Geschlecht und Zahl vergleichen.
| Fall | Maskulin Singular | Feminin Singular | Neutrum Singular | Plural alle Genera |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | gestrige | gestrige | gestrige | gestrigen |
| Genitiv | gestrigen | gestrigen | gestrigen | gestrigen |
| Dativ | gestrigen | gestrigen | gestrigen | gestrigen |
| Akkusativ | gestrigen | gestrige | gestrige | gestrigen |
Gemischte Beugung · nach ein/eine, im Plural nach keineDie Formen nach Fall, Geschlecht und Zahl vergleichen.
| Fall | Maskulin Singular | Feminin Singular | Neutrum Singular | Plural alle Genera |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | gestriger | gestrige | gestriges | gestrigen |
| Genitiv | gestrigen | gestrigen | gestrigen | gestrigen |
| Dativ | gestrigen | gestrigen | gestrigen | gestrigen |
| Akkusativ | gestrigen | gestrige | gestriges | gestrigen |
Herkunft und Wortbildung
Gestrig gehört zu gestern und ist in den älteren Formen gesterig und gesteric überliefert. Die zeitliche Verwendung ordnet etwas dem Vortag zu. Erst der übertragene Gebrauch nutzt dieses Zurückliegen als Bild dafür, dass eine Haltung nicht mehr zeitgemäß sei.
Verwendung in einer Charakterisierung
Eigener Beleg: Die Figur verweigert ihrer Tochter eine Entscheidungsmöglichkeit allein deshalb, weil nach ihrer Vorstellung stets der Sohn entscheiden müsse; die anderen Figuren widersprechen dieser Regel ausdrücklich. Das kann die Deutung einer gestrigen Haltung stützen. Die Analyse sollte den zeitlichen und gesellschaftlichen Rahmen des Werkes nennen, statt nur heutige Erwartungen unbesehen zurückzuübertragen.
Wie sich Textbeleg und Deutung verbinden lassen, erklärt die Anleitung zum Schreiben einer Charakterisierung.
