paternalistisch
Paternalistisch: Andere mit dem Anspruch zu bevormunden, besser zu wissen, was für sie gut sei. Das Wort beschreibt ein Verhältnis von Fürsorge und Fremdbestimmung und ist meist kritisch gemeint.
Was bedeutet paternalistisch?
Paternalistisch ist ein Verhalten, bei dem jemand Entscheidungen für andere trifft oder deren Möglichkeiten beschränkt und dies mit deren vermeintlichem Wohl begründet. Die handelnde Person nimmt für sich in Anspruch, die Bedürfnisse oder Interessen des Gegenübers besser beurteilen zu können als dieses selbst.
Die Absicht kann durchaus fürsorglich sein. Für die Einordnung ist jedoch entscheidend, wie mit dem Willen und der Mitsprache der betroffenen Person umgegangen wird. Hilfe, die angeboten und gemeinsam abgestimmt wird, ist nicht schon paternalistisch. Problematisch wird der Anspruch besonders, wenn ausdrückliche Wünsche ohne ernsthafte Prüfung beiseitegeschoben werden.
Der Begriff kann einzelne Beziehungen ebenso wie institutionelle Entscheidungen betreffen. Er bezeichnet keine ausschließlich männliche Eigenschaft. Für eine Charakterisierung sind die Begründung, das Machtgefälle und die tatsächlichen Wahlmöglichkeiten wichtiger als das Geschlecht der Beteiligten.
Beispiele und Verwendung
Sie sagte das Gespräch für ihren erwachsenen Bruder ab, weil sie besser wisse, was ihm guttue; ihr Vorgehen wirkte paternalistisch.
So ist es gemeint: Die Entscheidung wird ohne seine Beteiligung mit seinem vermeintlichen Wohl gerechtfertigt.
Der Leiter erklärte paternalistisch, die Mitarbeiter müssten die Hintergründe nicht kennen, solange er für sie sorge.
So ist es gemeint: Fürsorge wird als Grund verwendet, Informationen und Mitsprache vorzuenthalten.
Sie bot Unterstützung an und akzeptierte die Ablehnung; paternalistisch war dieses Angebot nicht.
So ist es gemeint: Die Entscheidung bleibt beim Gegenüber.
Typische Verbindungen: paternalistisch handeln, eine paternalistische Haltung, paternalistische Fürsorge, ein paternalistisches Machtverständnis.
Synonyme und Bedeutungsunterschiede
- fürsorglich
- Bezeichnet Aufmerksamkeit für das Wohl anderer. Fürsorge kann deren Selbstbestimmung ausdrücklich unterstützen.
- bevormundend
- Ist der nahe Oberbegriff für das Ersetzen fremder Entscheidungen. Paternalistisch nennt zusätzlich häufig die Rechtfertigung durch das angebliche Wohl.
- autoritär
- Betont die Durchsetzung von Gehorsam und Macht. Die Begründung muss dabei nicht fürsorglich sein.
Selbstbestimmung achtend oder partnerschaftlich beschreibt einen Gegenpol. Gleichgültigkeit ist keiner: Eine Person kann aufmerksam helfen und die Entscheidung dennoch beim Gegenüber lassen.
Paternalistisch in einer Charakterisierung
Die folgende Szene und die Musterformulierung sind eigens erfunden. Sie stammen aus keinem literarischen Werk.
Beispielsituation
In einer erfundenen Erzählung will die erwachsene Tochter Nora eine Stelle in einer anderen Stadt prüfen. Ihr Vater schreibt ohne ihr Wissen eine Absage. Als sie ihn darauf anspricht, erklärt er, er erspare ihr damit Enttäuschungen und wisse aus Erfahrung, was für sie richtig sei.
- Beobachtung: Der Vater trifft eine folgenreiche Entscheidung ohne Noras Wissen und rechtfertigt sie mit ihrem vermeintlichen Schutz.
- Deutung: Sein Vorgehen ist paternalistisch, weil er den eigenen Fürsorgeanspruch über ihre Entscheidung stellt.
- Grenze der Aussage: Ob seine Bedenken sachlich berechtigt sind, ist eine eigene Frage. Selbst berechtigte Bedenken erklären noch nicht, warum er ihre Mitsprache vollständig ersetzt.
Musterformulierung
Der Vater handelt paternalistisch, indem er die Stelle ohne Noras Wissen absagt und dies als Schutz vor Enttäuschung darstellt. Er beansprucht, ihre Interessen besser zu kennen als sie selbst. Die Szene zeigt damit eine Fürsorgebegründung, die Noras Möglichkeit zur eigenen Entscheidung verdrängt.
Der Absatz benennt Handlung, Rechtfertigung und Machtverhältnis. Er setzt Fürsorge nicht generell mit Bevormundung gleich, sondern erklärt die konkrete Grenzüberschreitung.
Übertrage diese Vorgehensweise auf deine Lektüre: Nenne die konkrete Handlung oder Äußerung und belege sie am vorliegenden Text. Die Anleitung zur Charakterisierung zeigt, wie du solche Einzelbeobachtungen zu einem begründeten Gesamtbild verbindest.
Grammatik und richtige Schreibweise
- Wortart
- Adjektiv (Eigenschaftswort)
- Worttrennung
- pa·ter·na·lis·tisch
- Verwandtes Nomen
- der Paternalismus
Paternalistisch endet auf -istisch. Es heißt ein paternalistisches Verhalten und mit paternalistischen Begründungen. Die Steigerung vergleicht das Ausmaß der bevormundenden Ausrichtung.
Beugung: Welche Endung passt?
Vor einem Nomen erhält das Wort eine Endung. Sie richtet sich nach Fall, Geschlecht, Zahl und Begleitwort. Die Endungen sind unten hervorgehoben.
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | paternalistischer | paternalistische | paternalistisches | paternalistische |
| Genitiv | paternalistischen | paternalistischer | paternalistischen | paternalistischer |
| Dativ | paternalistischem | paternalistischer | paternalistischem | paternalistischen |
| Akkusativ | paternalistischen | paternalistische | paternalistisches | paternalistische |
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | der paternalistische | die paternalistische | das paternalistische | die paternalistischen |
| Genitiv | des paternalistischen | der paternalistischen | des paternalistischen | der paternalistischen |
| Dativ | dem paternalistischen | der paternalistischen | dem paternalistischen | den paternalistischen |
| Akkusativ | den paternalistischen | die paternalistische | das paternalistische | die paternalistischen |
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | ein paternalistischer | eine paternalistische | ein paternalistisches | keine paternalistischen |
| Genitiv | eines paternalistischen | einer paternalistischen | eines paternalistischen | keiner paternalistischen |
| Dativ | einem paternalistischen | einer paternalistischen | einem paternalistischen | keinen paternalistischen |
| Akkusativ | einen paternalistischen | eine paternalistische | ein paternalistisches | keine paternalistischen |
Die Pluralformen der gemischten Beugung sind mit kein gezeigt, weil ein keinen Plural hat. Nach einem Verb wie sein oder wirken steht das Eigenschaftswort normalerweise ohne diese Endung. Mehr dazu: Adjektive verwenden und beugen.
Wortbildung und Herkunft
Das Adjektiv gehört zum Nomen Paternalismus. Die Wortfamilie verwendet das Bild einer väterlich beanspruchten Führung. Im heutigen Begriff ist dieses Bild eine Beschreibung des Machtverhältnisses und keine Beschränkung auf tatsächliche Väter oder auf Männer.
