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selbstgerecht

Form & Grammatik

Adjektiv
Stichwort
selbstgerecht
Worttrennung
selbst·ge·recht
Komparativ
selbstgerechter
Superlativ
am selbstgerechtesten

Abwertend für übersteigerte Überzeugung eigener moralischer Richtigkeit. Die Steigerung beurteilt diese Haltung; eine feste Überzeugung allein ist noch keine Selbstgerechtigkeit.

Formen und Verwendung im Detail

Von der eigenen Richtigkeit oder moralischen Untadeligkeit so überzeugt, dass eigene Fehler und berechtigte Kritik kaum oder gar nicht anerkannt werden; abwertend.

Was bedeutet selbstgerecht?

Selbstgerecht ist jemand, der sich selbst ohne ausreichende Prüfung auf der richtigen Seite sieht und für berechtigte Kritik nicht offen ist. Besonders häufig betrifft das moralische Urteile: Die Person misst andere streng, während sie eigene Fehler ausblendet oder rechtfertigt. Das Wort ist abwertend. Es richtet sich gegen die vermeintliche Unfehlbarkeit, nicht schon gegen eine feste Überzeugung.

Eine Person kann entschieden für eine Regel eintreten und trotzdem die eigenen Gründe prüfen. Selbstgerecht wirkt sie etwa dann, wenn sie dieselbe Handlung bei anderen verurteilt, für sich aber selbstverständlich entschuldigt. Auch eine inhaltlich richtige Kritik kann selbstgerecht vorgetragen werden, wenn sie die eigene Beteiligung verschweigt und jede Rückfrage abwehrt. Für die Deutung ist deshalb wichtig, wie jemand mit Gegenbelegen und dem eigenen Anteil an einem Konflikt umgeht.

Drei Beispiele für selbstgerecht

Eigene Sprachbeispiele mit Erläuterungen.

„Er verurteilte die Verspätung der anderen selbstgerecht, erklärte seine eigene wiederholte Unpünktlichkeit jedoch stets zur unvermeidbaren Ausnahme.“

Die ungleichen Maßstäbe stützen den Vorwurf. Der Punkt ist nicht, dass Pünktlichkeit unwichtig wäre, sondern dass die eigene Person der Prüfung entzogen wird.

„Sie wies selbstgerecht jede Frage nach ihrem Anteil am Streit zurück und behauptete, ausschließlich die anderen hätten Fehler gemacht.“

Die fehlende Bereitschaft zur Selbstkritik steht im Zentrum. Ob tatsächlich ein eigener Fehler vorliegt, sollte der Text zusätzlich erkennen lassen.

„Seine Kritik blieb bestimmt, aber nicht selbstgerecht: Er räumte den eigenen Irrtum ein und erklärte anschließend den verbleibenden Einwand.“

Eine klare Haltung kann mit Selbstprüfung verbunden sein. Das Beispiel grenzt den Vorwurf von bloßer Entschiedenheit ab.

Synonyme für selbstgerecht: passend zum Zusammenhang

Selbstgerecht bezeichnet die unkritische Überzeugung, selbst auf der moralisch besseren Seite zu stehen. Alternativen können das Beharren im Streit, den belehrenden Ton oder das Herabsehen auf andere hervorheben. Dabei gehen leicht Teile der ursprünglichen Aussage verloren: Selbstgerechtigkeit betrifft besonders die fehlende Prüfung des eigenen Verhaltens und der eigenen Maßstäbe.

Wortalternativen und ihre Unterschiede
ErsatzwortPasst beiUnterschied
rechthaberischBeharren auf der eigenen Auffassung im GesprächBetont den Anspruch, recht zu behalten. Die Frage eigener moralischer Untadeligkeit muss dabei keine Rolle spielen.
moralisierendÄußerungen, die andere nachdrücklich moralisch beurteilenBeschreibt die Art des Urteilens. Ob die sprechende Person eigene Fehler ausblendet, ist damit allein noch nicht gesagt.
überheblichAuftreten aus behaupteter ÜberlegenheitIst weiter gefasst: Das Überlegenheitsgefühl kann auf Wissen, Besitz oder Stellung beruhen und muss nicht moralisch begründet sein.

Wörter im Satz vergleichen

Die folgenden Satzpaare sind eigene Sprachbeispiele.

Ausgangssatz: „Er weist jede Frage nach seinem Anteil am Streit selbstgerecht zurück.“
Alternative: „Er weist jede Frage nach seinem Anteil am Streit rechthaberisch zurück.“

Die Alternative betont das Beharren auf seiner Sicht. Selbstgerecht macht deutlicher, dass er sich selbst jeder möglichen Schuld entzieht. Welche Lesart passt, zeigt seine Begründung.

Ausgangssatz: „Sie hält den anderen selbstgerecht einen Vortrag über Rücksicht.“
Alternative: „Sie hält den anderen moralisierend einen Vortrag über Rücksicht.“

Moralisierend kennzeichnet den belehrenden Ton. Der Vorwurf fehlender Selbstkritik wird schwächer: Er müsste etwa durch eine vergleichbare rücksichtslose Handlung der Sprecherin zusätzlich begründet werden.

Hier passt der Austausch nicht: Scheinheilig unterstellt vorgetäuschte Tugendhaftigkeit. Eine selbstgerechte Person kann hingegen aufrichtig von der eigenen Unschuld überzeugt sein. Wer beide Wörter austauscht, verändert die Aussage über das Bewusstsein und die mögliche Täuschungsabsicht der Figur.

Für eine genaue Analyse eignen sich zwei vergleichbare Situationen: Welchen Maßstab legt die Figur an andere an, welchen an sich selbst? Unterschiedliche Entscheidungen sind nicht automatisch doppelte Standards, wenn die Umstände tatsächlich verschieden sind. Der konkrete Vergleich begründet die Kritik besser als pauschale Vorwürfe.

Weitere Abgrenzungen: Ähnliche Wörter unterscheiden
Selbstgefällig
Betont eitles Wohlgefallen an der eigenen Person. Selbstgerecht hebt die angenommene Richtigkeit oder Untadeligkeit und den Mangel an Selbstkritik hervor.
Scheinheilig
Beschreibt eine vorgetäuschte tugendhafte Haltung. Eine selbstgerechte Person kann dagegen tatsächlich an ihre eigene moralische Überlegenheit glauben.
Selbstbewusst
Benennt Vertrauen in den eigenen Wert. Dieses Vertrauen lässt sich mit dem Eingestehen von Fehlern verbinden und setzt keine Unfehlbarkeit voraus.

Schreibung und Grammatik

Selbstgerecht wird zusammengeschrieben: ein selbstgerechter Vorwurf, eine selbstgerechte Haltung, selbstgerechtes Urteil. Die Steigerung lautet selbstgerechter, am selbstgerechtesten. Das Substantiv heißt Selbstgerechtigkeit. In sie urteilt selbstgerecht steht das Adjektiv adverbial; in ihr Urteil ist selbstgerecht prädikativ. Eine genauere Ergänzung kann den Bereich nennen, etwa selbstgerecht im Umgang mit eigenen Fehlern.

Weitere Hinweise zur Beugung bietet die Übersicht der Adjektive.

Beugung von selbstgerecht

Ein selbstgerechtes Urteil misst andere streng und nimmt eigene Fehler kaum wahr. Der Vorwurf betrifft die beanspruchte moralische Unfehlbarkeit, nicht schon eine feste Überzeugung.

Die Endung vor einem Nomen richtet sich nach Fall, Geschlecht, Zahl und Begleiter. In der gemischten Beugung steht im Plural keine; ein hat keinen Plural.

Starke Beugung · ohne ArtikelDie Formen nach Fall, Geschlecht und Zahl vergleichen.
Starke Beugung · ohne Artikel
FallMaskulin SingularFeminin SingularNeutrum SingularPlural alle Genera
Nominativselbstgerechterselbstgerechteselbstgerechtesselbstgerechte
Genitivselbstgerechtenselbstgerechterselbstgerechtenselbstgerechter
Dativselbstgerechtemselbstgerechterselbstgerechtemselbstgerechten
Akkusativselbstgerechtenselbstgerechteselbstgerechtesselbstgerechte
Schwache Beugung · nach der, die, dasDie Formen nach Fall, Geschlecht und Zahl vergleichen.
Schwache Beugung · nach der, die, das
FallMaskulin SingularFeminin SingularNeutrum SingularPlural alle Genera
Nominativselbstgerechteselbstgerechteselbstgerechteselbstgerechten
Genitivselbstgerechtenselbstgerechtenselbstgerechtenselbstgerechten
Dativselbstgerechtenselbstgerechtenselbstgerechtenselbstgerechten
Akkusativselbstgerechtenselbstgerechteselbstgerechteselbstgerechten
Gemischte Beugung · nach ein/eine, im Plural nach keineDie Formen nach Fall, Geschlecht und Zahl vergleichen.
Gemischte Beugung · nach ein/eine, im Plural nach keine
FallMaskulin SingularFeminin SingularNeutrum SingularPlural alle Genera
Nominativselbstgerechterselbstgerechteselbstgerechtesselbstgerechten
Genitivselbstgerechtenselbstgerechtenselbstgerechtenselbstgerechten
Dativselbstgerechtenselbstgerechtenselbstgerechtenselbstgerechten
Akkusativselbstgerechtenselbstgerechteselbstgerechtesselbstgerechten

Herkunft und Wortbildung

Die Zusammensetzung verbindet selbst mit gerecht. In der heutigen Bedeutung ist entscheidend, dass die eigene Person sich selbst als richtig oder untadelig beurteilt. Die positive Wertung von gerecht wird in der Gesamtbildung zu einem kritischen Urteil über ein unangefochtenes Selbstbild. Das zugehörige Substantiv entsteht mit -igkeit: Selbstgerechtigkeit.

Verwendung in einer Charakterisierung

Eigener Charakterisierungsbeleg: Eva legt den anderen jeden Regelverstoß zur Last, erklärt ihre eigenen Verstöße aber ohne Prüfung für gerechtfertigt. Sie urteilt selbstgerecht. Die Analyse sollte die beiden vergleichbaren Fälle nennen und den doppelten Maßstab sichtbar machen. Eine allgemeine Behauptung, Eva halte sich für etwas Besseres, wäre weniger genau und müsste ebenfalls belegt werden.

Die Anleitung zur Charakterisierung erläutert das Zusammenspiel von Beobachtung, Beleg und Deutung.

Selbstgerecht in der Übersicht der Charaktereigenschaften