jämmerlich
Jämmerlich: Elend, beklagenswert oder Schmerz ausdrückend; abwertend auch sehr dürftig oder verachtenswert. Die Bedeutung reicht von Mitgefühl bis zu scharfer Herabsetzung.
Was bedeutet jämmerlich?
Jämmerlich kann einen Zustand beschreiben, der Mitleid erregt: Eine erschöpfte Person friert in nasser Kleidung, ein Tier gibt schmerzerfüllte Laute von sich oder eine Unterkunft bietet kaum Schutz. Das Wort lenkt dann auf Not, Schmerz oder große Dürftigkeit. Es bezeichnet nicht automatisch eine Schuld der Betroffenen.
Daneben wird jämmerlich deutlich abwertend verwendet. Eine jämmerliche Ausrede gilt als wenig überzeugend; wer einen Menschen jämmerlich nennt, kann Verachtung ausdrücken. Diese Wertung gehört zur Perspektive des Sprechenden. Eine Analyse sollte sie nicht ungeprüft als objektive Eigenschaft der beschriebenen Person übernehmen.
Jämmerlich kann schließlich verstärken, etwa wenn jemand jämmerlich friert. Hier steht die große unangenehme Intensität im Vordergrund. Für eine Charakterisierung ist deshalb zuerst zu klären, ob das Wort einen vorübergehenden Zustand, eine konkrete Leistung oder ein herabsetzendes Personenurteil bezeichnet. Aus sichtbarer Not folgt keine Charakterschwäche.
Beispiele und Verwendung
Nach dem langen Regenweg sah er jämmerlich aus und brauchte trockene Kleidung.
So ist es gemeint: Der Satz beschreibt einen beklagenswerten Zustand, keine moralische Eigenschaft.
Die Ausrede war jämmerlich, weil sie den offensichtlichen Widerspruch nicht erklärte.
So ist es gemeint: Hier wird die Qualität einer konkreten Begründung scharf abgewertet.
Im ungeheizten Raum froren sie jämmerlich.
So ist es gemeint: Das Adjektiv verstärkt die unangenehme Erfahrung.
Typische Verbindungen: jämmerlich aussehen, eine jämmerliche Ausrede, jämmerlich frieren, ein jämmerlicher Zustand.
Synonyme und Bedeutungsunterschiede
- erbärmlich
- Hat ebenfalls eine Spanne zwischen beklagenswert und verachtenswert. Der Ton und der Bezug sind auch hier entscheidend.
- Mitleiderregend
- Stellt die ausgelöste Anteilnahme in den Vordergrund und enthält nicht notwendig Verachtung.
- bedrückt
- Beschreibt eine gedrückte Stimmung. Jämmerlich kann dagegen auch einen äußeren Zustand oder eine als dürftig bewertete Leistung meinen.
Überzeugend passt als Gegensatz zu einer jämmerlichen Begründung; gut versorgt oder in guter Verfassung kann einen beklagenswerten Zustand kontrastieren. Ein einziges Gegenwort deckt nicht alle Bedeutungen ab.
Jämmerlich in einer Charakterisierung
Die folgende Szene und die Musterformulierung sind eigens erfunden. Sie stammen aus keinem literarischen Werk.
Beispielsituation
In einer erfundenen Reiseszene erreicht Daria nach einem Unwetter völlig durchnässt eine Herberge. Ein Gast nennt ihren Anblick jämmerlich. Die Wirtin bringt ihr trockene Kleidung. Wenig später organisiert Daria ruhig Hilfe für weitere Reisende, die noch unterwegs sind.
- Beobachtung: Darias Kleidung und Erschöpfung lassen zunächst einen beklagenswerten äußeren Zustand erkennen.
- Deutung: Jämmerlich kann diesen Zustand beschreiben; die Äußerung des Gastes muss zusätzlich nach ihrem mitfühlenden oder spöttischen Ton eingeordnet werden.
- Grenze der Aussage: Darias anschließendes überlegtes Handeln spricht dagegen, aus ihrem Aussehen eine schwache oder unfähige Persönlichkeit abzuleiten.
Musterformulierung
Daria erscheint nach dem Unwetter äußerlich jämmerlich, weil sie durchnässt und erschöpft ankommt. Die Bezeichnung betrifft ihre Notlage. Ihre anschließende ruhige Organisation weiterer Hilfe zeigt dagegen Handlungsfähigkeit, sodass das beklagenswerte Aussehen nicht als Beleg einer allgemeinen Charakterschwäche dienen kann.
Die Musterformulierung trennt Lage, Fremdbezeichnung und späteres Verhalten. Dadurch wird eine mögliche herabsetzende Wertung nicht unkritisch übernommen.
Übertrage diese Vorgehensweise auf deine Lektüre: Nenne die konkrete Handlung oder Äußerung und belege sie am vorliegenden Text. Die Anleitung zur Charakterisierung zeigt, wie du solche Einzelbeobachtungen zu einem begründeten Gesamtbild verbindest.
Grammatik und richtige Schreibweise
- Wortart
- Adjektiv (Eigenschaftswort)
- Worttrennung
- jäm·mer·lich
- Verwandtes Nomen
- der Jammer; die Jämmerlichkeit
Jämmerlich wird mit ä und mm geschrieben. Vor Nomen heißt es eine jämmerliche Ausrede. In jämmerlich frieren bleibt die Grundform. Die Steigerung kann die Stärke einer beklagenswerten Wirkung oder einer Abwertung vergleichen; was genau stärker ausfällt, muss der Satz erkennen lassen.
Beugung: Welche Endung passt?
Vor einem Nomen erhält das Wort eine Endung. Sie richtet sich nach Fall, Geschlecht, Zahl und Begleitwort. Die Endungen sind unten hervorgehoben.
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | jämmerlicher | jämmerliche | jämmerliches | jämmerliche |
| Genitiv | jämmerlichen | jämmerlicher | jämmerlichen | jämmerlicher |
| Dativ | jämmerlichem | jämmerlicher | jämmerlichem | jämmerlichen |
| Akkusativ | jämmerlichen | jämmerliche | jämmerliches | jämmerliche |
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | der jämmerliche | die jämmerliche | das jämmerliche | die jämmerlichen |
| Genitiv | des jämmerlichen | der jämmerlichen | des jämmerlichen | der jämmerlichen |
| Dativ | dem jämmerlichen | der jämmerlichen | dem jämmerlichen | den jämmerlichen |
| Akkusativ | den jämmerlichen | die jämmerliche | das jämmerliche | die jämmerlichen |
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | ein jämmerlicher | eine jämmerliche | ein jämmerliches | keine jämmerlichen |
| Genitiv | eines jämmerlichen | einer jämmerlichen | eines jämmerlichen | keiner jämmerlichen |
| Dativ | einem jämmerlichen | einer jämmerlichen | einem jämmerlichen | keinen jämmerlichen |
| Akkusativ | einen jämmerlichen | eine jämmerliche | ein jämmerliches | keine jämmerlichen |
Die Pluralformen der gemischten Beugung sind mit kein gezeigt, weil ein keinen Plural hat. Nach einem Verb wie sein oder wirken steht das Eigenschaftswort normalerweise ohne diese Endung. Mehr dazu: Adjektive verwenden und beugen.
Wortbildung und Herkunft
Das Adjektiv ist bereits im Althochdeutschen als jāmarlih und im Mittelhochdeutschen in entsprechenden Formen belegt. Es gehört zur Wortfamilie von Jammer. Die heutigen Verwendungen reichen vom Ausdruck großer Not bis zur scharfen Abwertung.
