Inkonzinnität: Bedeutung, Beispiele und Wirkung
Inkonzinnität bezeichnet eine ungleichmäßige Gestaltung von zusammengehörigen oder einander entsprechenden sprachlichen Gliedern. Ein Text verlässt dabei eine naheliegende Parallelität. Statt „Sie hoffte auf Hilfe und auf Verständnis“ kann es heißen: „Sie hoffte auf Hilfe und darauf, dass endlich jemand zuhörte.“ Zwei entsprechende Ergänzungen erhalten unterschiedliche Formen.
Was ist an der Form ungleichmäßig?
Inkonzinnität lässt sich besonders gut an Reihungen erkennen. Ein Text kann beispielsweise eine knappe Wortgruppe mit einem ausführlichen Nebensatz verbinden. Inhaltlich erfüllen die Teile vergleichbare Aufgaben, aber sie sind nicht auf dieselbe Weise formuliert. Die sprachliche Balance wird dadurch verändert.
Der Gegenbegriff Konzinnität bezeichnet Ebenmaß und ausgewogene Gestaltung. Die Inkonzinnität kann bewusst mit solchen Erwartungen spielen. Sie kann aber auch bloß aus einer ungeschickten Formulierung entstehen. Für eine literarische Analyse ist deshalb wichtig, nicht automatisch Absicht oder Fehler zu unterstellen, sondern die konkrete Abweichung und ihre mögliche Funktion zu zeigen.
Gleichmäßig und ungleichmäßig im Vergleich
| Gleichmäßige Fassung | Ungleichmäßige Fassung | Unterschied |
|---|---|---|
| „Sie hoffte auf Hilfe und auf Verständnis.“ | „Sie hoffte auf Hilfe und darauf, dass endlich jemand zuhörte.“ | Auf eine kurze Präpositionalgruppe folgt eine Ergänzung mit Nebensatz. |
| „Die einen wollten Sicherheit, die anderen wollten Freiheit.“ | „Die einen wollten Sicherheit, die anderen, dass ihnen niemand mehr Vorschriften machte.“ | Das Ziel wird zuerst durch ein Substantiv, dann durch einen Inhaltssatz formuliert; im zweiten Teil bleibt das Verb ausgespart. |
Die ungleichmäßigen Fassungen verändern mehr als die Länge. Sie entfalten den zweiten Gedanken konkreter: Aus dem abstrakten „Verständnis“ wird das tatsächliche Zuhören; aus „Freiheit“ das Ausbleiben von Vorschriften. Eine Analyse kann deshalb untersuchen, ob der Text gerade dem zweiten Anliegen mehr Raum gibt.
Inkonzinnität in drei Schritten untersuchen
- Entsprechende Teile bestimmen: Welche Glieder gehören funktional oder inhaltlich zusammen?
- Den Unterschied beschreiben: Steht einer Wortgruppe ein Satz gegenüber? Wechselt die Art der Formulierung oder der grammatischen Konstruktion?
- Eine gleichmäßige Vergleichsfassung bilden: So wird sichtbar, was durch die tatsächliche Gestaltung auffällt.
Verschiedene Satzlängen irgendwo in einem Text reichen nicht. Es muss eine sinnvoll begründbare Beziehung zwischen den verglichenen Gliedern bestehen. Ebenso wenig sollte jede stilistische Abwechslung als besondere Figur etikettiert werden. Der Begriff ist dort hilfreich, wo die Unebenmäßigkeit die Darstellung tatsächlich mitprägt.
Inkonzinnität, Parallelismus und Anakoluth
Der Parallelismus wiederholt einen entsprechenden Satzbau. Bei der Inkonzinnität wird eine solche Gleichmäßigkeit gerade nicht durchgehalten. Ein Text kann zunächst mehrere parallele Glieder aufbauen und erst das letzte anders formen. Dann lassen sich Regelmäßigkeit und Abweichung im selben Zusammenhang untersuchen.
Ein Anakoluth entsteht, wenn eine begonnene Satzkonstruktion anders weitergeführt oder abgebrochen wird. Bei „Sie hoffte auf Hilfe und darauf, dass jemand zuhörte“ bleibt die Konstruktion grammatisch nachvollziehbar. Die Verschiedenheit der Ergänzungen ist kein notwendiger Satzbruch.
Eine Ellipse lässt einen ergänzbaren Satzbestandteil aus. Das kann mit Inkonzinnität zusammentreffen, wie beim ausgesparten „wollten“ im zweiten Tabellenbeispiel. Die Auslassung und der Wechsel der Ergänzungsform sind jedoch unterschiedliche Beobachtungen. Auch das Zeugma kann durch ungleichartige Beziehungen auffallen, ist aber nicht mit jeder Inkonzinnität gleichzusetzen.
Was kann die Unebenmäßigkeit bewirken?
Ein Wechsel der Konstruktion kann einen Gedanken hervorheben, einen gleichförmigen Rhythmus aufbrechen oder die Bewegung des Nachdenkens abbilden. In einem straff gegliederten Argument kann er dagegen die Verständlichkeit erschweren. Die Bewertung hängt davon ab, was die Stelle leisten soll. „Ungleichmäßig“ beschreibt zunächst eine Form, noch kein Qualitätsurteil.
Eine Abweichung genau erklären
Eigener Übungstext
Nach einem Streit sitzt Eda allein im Flur. Sie hoffte auf eine Entschuldigung, auf eine Erklärung und darauf, dass jemand bei ihr blieb.
Möglicher Analyseabsatz: Die ersten beiden Hoffnungen sind als parallele Präpositionalgruppen formuliert. Das dritte Glied wechselt zu „darauf“ und einem anschließenden dass-Satz. Diese Inkonzinnität gibt dem Wunsch nach Gesellschaft mehr sprachlichen Raum. Während Entschuldigung und Erklärung knapp benannt werden, entfaltet der Schluss eine konkrete Handlung: Jemand soll bei Eda bleiben.
Grenze: Der längere Ausdruck kann diesen Wunsch hervorheben, beweist aber nicht, dass alle anderen Anliegen unwichtig sind. Auch eine bewusste Absicht des Verfassers sollte man nicht allein aus der ungleichen Länge ableiten.
Übung: Die Form angleichen
Formuliere den Satz „Wir wünschen uns Ruhe und dass die Arbeit gelingt“ gleichmäßiger.
Mögliche Lösung anzeigen
„Wir wünschen uns Ruhe und Erfolg bei der Arbeit.“ Beide Wünsche werden nun durch nominale Ausdrücke bezeichnet. Die ursprüngliche Fassung entfaltet dagegen den zweiten Wunsch als Satz. Die Umformung zeigt den Unterschied, ist aber nicht in jedem Text automatisch die bessere Wahl.
Weitere Verfahren des Satzbaus stehen in unserer Stilmittel-Liste.
