Als Jugendstil wird eine Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, welche sich vor allem um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert ausmachen und sich somit in etwa auf die Jahre zwischen 1896 bis 1920 datieren lässt. Demnach steht der Jugendstil unter dem Einfluss des Fin de Siècle, einer künstlerischen und kulturellen Bewegung, die sich in verschiedenen Stilen, wie etwa Symbolismus, Jugendstil, Impressionismus und Ästhetizismus sowie ähnlichen avangardistischen Strömungen niederschlug. Weitere Bezeichnungen für die Epoche sind Art nouveau, Reformstil oder Secessionsstil, im Englischen Modern Style, im Italienischen Stile Floreale sowie Liberty und in Russland Modern, wobei im katalanischsprachigen Raum vom Modernisme gesprochen wird. Sehr vordergründig werden mit dem Begriff bestimmte Ausprägungen in Architektur und Gestaltung bezeichnet, wobei sich die Epoche auch in Literatur und Kunst nachempfinden lässt. Wesentlich ist der Versuch, die Natur in der Kunst durch schwungvolle und florale Ornamente abzubilden.

Der Begriff wurde von der Zeitschrift Jugend abgeleitet, einer Kunst- und Literaturzeitschrift, welche zwischen 1896 und 1940 in München erschien und von Georg Hirth und Fritz von Ostini gegründet wurde. Dadurch, dass der Begriff Jugendstil vom Titel der Zeitschrift abgeleitet wurde, wird ersichtlich, dass diese wichtig für die stilgeschichtliche Entwicklung der frühen Moderne in Deutschland war.

Der Begriff ist später vor allem in den Niederlanden, in Lettland, den nordischen Ländern – vor allem Skandinavien – und im deutschsprachigen Raum gebräuchlich. Erstmals wurde das Wort 1897 bei der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung verwendet und bezeichnete hierbei vor allem den Ausstellungspavillion Nietzschmann-Wommer, der von aktuellen Entwicklungen in der Architektur abwich und sich durch eine schwungvolle Gestaltung auszeichnete. Er wurde von Paul Möbius gestaltet.

Diese ersten Impulse sind es dann auch, die für die ganze Epoche maßgeblich werden. Wesentliche Merkmale des Jugendstils sind demnach schwungvolle Elemente, die versuchen, die Natur und das Natürlich in die Städte und die moderne Welt zu tragen. Im Vordergrund stehen geschwungene Formen, Ranken, Wellen, Pflanzen- und Symbolmotive, die der rasanten Industrialisierung gegenüberstehen.Epochen der Literatur als Zeitstrahl

Übersicht: Merkmale des Jugendstils

Die Epoche wirkte sich vor allem auf die Kunst und darüber hinaus auf die Architektur sowie allgemeine Elemente der Gestaltung aus. Eher weniger spezifisch sind die Ausprägungen der Kunstbewegung auf die Literatur, wobei es zumeist eher um das Zusammenbringen von Malerei und Geschriebenem ging. Dennoch gibt es auch in der Literatur einzelne Autoren und Werke, die die wesentlichen Merkmale der Bewegung zeigen. Die folgende Übersicht konzentriert sich somit auf die Merkmale der Kunst und zeigt nur die wesentlichen Ausprägungen in der Literatur.

Übersicht: Merkmale des Jugendstils im Überblick

  • Als Jugendstil wird eine Kunstbewegung bezeichnet, die sich auf Europa konzentrierte. Wichtig ist ist hierbei, dass es innerhalb dieser Bewegung kein einheitliches Programm gab. Geeint wurden die Anhänger der Bewegung allenfalls dadurch, dass sie allesamt den Historismus – also die Nachahmung historisch überlieferter Formvorbilder – ablehnten und sich gegen die Tendenz wandten, dass aufgrund der Industrialisierung von Verzierungen überladene, maschinell hergestellte und kaum individuelle Massenware hergestellt wurde.
  • Die Kunstform richtete sich vor allem gegen Althergebrachtes und Bekanntes und bringt den Wunsch der Künstler zum Ausdruck, etwas Neues und somit den eigenen Stil zu finden. Hierbei ging es meist nicht nur um einzelne Ansätze, sondern um gesamtkünstlerische Gestaltungen, die ganze Gebäude und Gebäudekomplexe in einem ganz einheitlichen Stil entstehen ließen, der darüber hinaus auch auf die Innenausstattung übertragen wurde.
  • Das wesentliche Merkmal ebendieser Kunst ist eine Linie oder auch Linienführung, die an pflanzliche sowie geometrische Formen angelehnt ist, wobei außerdem eine Tendenz zum Ornamentalen erkennbar ist. Als Ornament wird ein wiederholendes, oft abstraktes oder auch abstrahiertes Muster bezeichnet. Weiterhin sind geschwungene Linien oder auch schwungvolle Elemente im Allgemeinen und das Aufgeben von symmetrischen Abfolgen – also die Aufgabe von spiegelbildlicher Gleichheit – für den Jugendstil charakteristisch.
  • Diese Formen leiteten die Vertreter der Bewegung vor allem aus der Natur ab, die somit zum zentralen Element der Stilrichtung und häufig nachgeahmt wurde. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass häufig Tiere in der Kunst als Symbole verwendet wurden und dabei zumeist diverse Eigenschaften oder auch Tugenden verkörperten (vgl. Fabeltiere).
  • Die Verbindung von geschwungenen Formen und Natur bündelt sich demzufolge häufig in Dingen, die ebendiese Beschaffenheit natürlicherweise verkörpern, wie etwa Wellen und bewegtes Wasser im Allgemeinen, Pflanzen, wallendes Haar, Ranken und natürlich der Wuchs von Pflanzen, wobei diese Formen teils nur abstrahiert oder angedeutet wurden.
  • Ein weiteres wesentliches Merkmal der Bewegung war die Forderung und das Streben nach Funktionalität. Das bedeutet, dass sich vor allem im äußeren Erscheinungsbild von Gebäuden ihr Zweck sowie ihre Funktion widerspiegeln sollte. Folglich mussten Gebäude keinem symmetrischen Aufbau folgen, wie es zuvor durchaus üblich war, sondern konnten aufgrund ihrer Funktion – ausgehend von ihrem Grundriss – konzipiert werden.
  • Die Frau ist ein häufiges Motiv in der Kunst. Sehr häufig wird sie mit zartem Teint, Blumen und wachsenden Pflanzen im Haar und mit fließenden, leuchtenden sowie farbintensiven Gewändern dargestellt. Darüber hinaus wird die Frau im Jugendstil oftmals verführerisch dargestellt, wenngleich dies natürlich nicht auf jedes Werk der Zeit zutrifft.
  • Wesentlich ist auch, dass die Künstler der Bewegung eine Einheit aus Handwerk und Kunst anstrebten, wodurch die künstlerische Darstellung für Jedermann erlebbar sein sollte: so sollte das Ästhetische der Kunst im Alltag zu finden sein, weshalb auch ganz einfache Gegenstände des täglichen Gebrauchs funktional, aber eben auch künstlerisch sein sollten, wodurch sich der Jugendstil eben auch in Möbeln, Gegenständen sowie Schmuckstücken und Glaswaren finden lässt und somit maßgeblich die Inneneinrichtung beeinflusste.
  • Diese Hinwendung zu Natur, Mystik und zum Schönen lässt sich aber nicht nur in den Bildern und Bauwerken der Zeit ausmachen, sondern findet sich auch in anderen künstlerischen Darstellungsformen, die mit ebendiesen Motiven spielten oder beliebte Motive (Schwäne, Lilien, Brunnen, Parkanlagen etc.) verarbeiteten. Oftmals fand aber auch eine Verbindung zwischen Literatur und Kunst statt, indem beide Medien nebeneinander angeordnet wurden, was vor allem in verschiedenen (Literatur-)Zeitschriften realisiert wurde. Als Beispiele können die Jugend aus München, die Berliner Zeitschrift Pan sowie Die Insel aus Leipzig genannt werden. Oft wurde auch nur der Einband künstlerisch gestaltet.
  • Dennoch versuchte man teilweise aber auch in der Literatur, die äußeren Merkmale der Kunstrichtung aufzugreifen. Beispielsweise wurden mitunter lyrische Texte ornamental angeordnet oder wirkten – äußerlich – wie ein Schmuckstück, in welchem die einzelnen Wörter kunstvoll platziert wurden. Mitunter wurde das Ornamentale aber auch durch verschiedene Stilmittel realisiert. So finden sich in Ornamenten zumeist wiederholende Muster, weshalb die Verwendung von Parallelismen und Wiederholungen in den lyrischen Werken der Zeit durchaus typisch sind und sich bei vielen Dichtern ausmachen lassen.
  • Folglich wirkte sich die künstlerische Bewegung vor allem auf die Lyrik aus. Wesentlich sind hierbei mythologische, sagen- und märchenhafte Elemente sowie Symbolisches, Feierliches, Ungewöhnliches oder auch Motive, welche die Natur abbildeten, wie etwa Blumen und Tiere, aber auch sehr schwungvolle Bewegungen und Dionysisches (~Rauschhaftes). Das Aufgreifen von märchenhaften, sagenhaften und eben auch mythologischen Inhalten und Themen erinnert zuweilen an die literarische Epoche der Romantik.

Jugendstil in der Architektur

In der Architektur waren es vor allem geschwungene Linien, ornamentale Muster und die Idee, dass sich die Funktion eines Gebäudes in dessen Gestaltung niederschlagen sollte, wobei es nicht notwendig war, dass die Symmetrie – also die spiegelbildliche Gestaltung – ein Bauwerk bestimmte. Darüber hinaus sollte die Fassade schon erkennen lassen, wie ein Gebäude von Innen aussah.

Im Jugendstil waren die prägenden Materialien Eisen, Stahl und Glas, wobei darüber hinaus vor allem Sandstein genutzt wurde, um Bauwerke entstehen zu lassen. Vorteilhaft war an diesem, dass er sich äußerlich gut bearbeiten ließ und sich dennoch als widerstandsfähig erwies, was einen großen Raum für die ornamentalen und schwungvollen äußerlichen Verzierungen der Zeit ließ.Typische Elemente des Jugendstil, die am Beispiel eines Bauwerkes verdeutlicht werden.

Bild: Fotografiert von Gryffindor, Bearbeitung: Wortwuchs, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle


Das obige Beispiel-Bauwerk ist das Ausstellungshaus der Wiener Secession, der österreichischen Ausprägung des Jugendstils und gilt als bedeutendstes Gebäude des österreichischen Secessionsstils. Am Bauwerk werden einzelne Elemente der Kunstrichtung deutlich, wenngleich auch nicht alle im Gebäude verwirklicht sind. Aber eben doch genug, um offensichtliche Merkmale zu erkennen.

So finden sich die geschwungenen Linien, die durch eine goldfarbene Kuppel realisiert wurde, die selbst aus einem floralen Ornament besteht: nämlich einem Blätterwerk aus vergoldeter Bronze. Ein mythologisches Element findet sich in bei den drei Gorgonen über der mächtigen Eingangstür, die selbst mit floralen Verzierungen übersät ist. Links neben der Eingangstür findet sich ein Wahlspruch (Ver Sacrum), welcher sich mit Heiliger Frühling übersetzen lässt und so die Hoffnung nach einer neuen Kunstblüte verdeutlicht. (Tipp: Informationen zu den Gorgonen finden Sie auf fabelwesen.net)Weiteres Beispiel, das die Architektur der Bewegung verdeutlicht

Bild: Fotografiert von P. Vasiliadis, Bearbeitung: Wortwuchs, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle


Das obige Bauwerk steht inmitten des Zentrums von Thessaloniki, einer der größten Städte Griechenlands. Es verdeutlicht keine ornamentalen Muster, sondern greift vor allem die schwungvolle Gestaltung auf, die für die Epoche kennzeichnend ist. Darüber hinaus realisiert das Bauwerk die Forderung, dass das Künstlerische wür Jedermann erlebbar sein sollte, da es sich hierbei um ein gewöhnliches Wohnhaus handelt. Weiterhin ist die Funktion sowie die Aufteilung des Bauwerks aufgrund der äußerlichen Gestaltung ersichtlich, wobei das Ganze – da der Stil durchgehend ersichtlich ist – als Gesamtkunstwerk zu bewerten. Dieses Bestreben wirkte sich im Jugendstil auch auf die Innenräume aus.

Inneneinrichtung und Möbel

Doch auch wenn solche Bauten als Gesamtes gesehen wurden, wurden in der Epoche nur wenige Bauten Innen und Außen im Sinne der Spoche kreiert. Hierbei sind es vor allem repräsentative Villen und Wohnhäuser, die sowohl die äußere Fassade als auch die Gestaltung der Innenräume unter das Banner des Jugendstils stellten, wobei Leben und Kunst in Einklang gebracht wurden.

Auch bei der Gestaltung der Inneneinrichtung oder in Bezug auf die Möbel drehte sich alles um florale Ornamente und geschwungene Linien, die stets von der Natur inspiriert wurden. Somit werden die natürlichen Formen von Pflanzen nachgeahmt und teilweise Tiere ins Mobiliar eingearbeitet. Die Möbel werden vor allem aus dunklem Hartholz gefertigt, das sehr schwer und massiv erscheint, aber durch feine Holzschnitzereien verfeinert wurde, die sich an schwungvollen Wiederholungen orientierten.

In Bezug auf die Inneneinrichtung dominieren vor allem Pastelltöne, die gedeckt erscheinen, wobei geschwungene Elemente aus Eisen ornamentale und geschwungene Strukturen abbilden und an verschiedenen Stellen aufgreifen. Typisch ist hierbei auch, dass das natürliche Holz lackiert wurde und somit glänzte, wobei es hochpoliert erschien und der dunklen sowie stumpfen Farbgebung einen edlen und hochwertigen Anstrich verlieh. Harte Kanten waren hier eher selten zu finden.Typische Möbel und Inneneinrichtung im Jugendstil

Fotos: Jean-Pierre Dalbéra, La salle à manger de l’hôtel Guimard (links, rechts), Bearbeitung: Wortwuchs, Lizenz: CC BY 2.0


Jugendstil in der Malerei

In der Malerei werden im Eigentlichen die gleichen Motive aufgegriffen: grundsätzlich dominiert eine Linie, die sehr geschwungen ist, bunte, leuchtende Farben und Motive aus der Natur, wobei darüber hinaus auch Ornamentales, geometrische Figuren und mythologische Gestalten sowie (verführerische) Frauen und zahlreiche Tier(-gestalten) gezeigt werden.

Vor allem in der Malerei zeichnet sich die starke Verbindung der Epoche zur Natur ab. Auch hierbei kann auf die fortschreitende Industrialisierung verwiesen werden. Die Menschen zog es in die Städte, um Arbeit zu bekommen und das gesellschaftliche Bild wandelte sich. Die Künstler und vor allem die Maler jener Tage versuchten mit dieser Rückbesinnung auf die Natur einen Einklang zwischen Mensch und Umwelt zu realisieren, um so die Ganzheit des Lebens künstlerisch zu verarbeiten und aufzuzeigen.Werke von Gustav Klimt aus der Epoche des Jugendstils

Bilder: drei verschiedene Arbeiten des Malers Gustav Klimt.


Die obigen drei Beispiel-Gemälde sind Arbeiten des Malers Gustav Klimt. Sie greifen exemplarisch die wesentlichen Motive der Epoche auf und zeigen einerseits vor allem Naturdarstellungen, aber im gleichen Maße werden Wellen und schwungvolle Linien aufgegriffen, die sich entweder im natürlichen Wuchs der Pflanzen/Bäume oder eben den angedeuteten Wellenbewegungen des Wassers zeigt.

Ein weiteres Motiv der Malerei, das häufig in der Jugendstilmalerei anzutreffen ist, ist die (verführerische) Frau, welche selbst für die Jugend steht, oft farbenfroh und bunt dargestellt wird und darüber hinaus mit ornamentalen, floralen sowie schwungvollen Elementen kombiniert wird. Häufig wird die schwungvolle Grundlinie des Jugendstils durch die Gewänder oder den natürlichen Wuchs der Haare nachempfunden.Ausgewählte Werke des Jugendstils, die Frauen zeigen

Bilder: Aubrey Beardsley: Isolde, Dante Gabriel Rossetti: Monna Vanna, Alfons Mucha: Monaco Monte Carlo.


Die obigen Bilder sind Arbeiten von Aubrey Beardsley, Dante Gabriel Rossetti, Alfons Mucha (von links nach rechts), die allesamt Frauen in Verbindung mit der Natur zeigen und dabei florale Elemente aufgreifen. Im linken Bild von Beardsley und rechts, bei Mucha, wird darüber hinaus ein weiteres Merkmal der Malerei dieser Zeit sichtbar: zumeist wurden Werke geschaffen, die keine Raumillusion erzeugten, sondern eher als zweidimensionale Flächenkunst gewertet werden können.

Maler des Jugendstil

    • Hermenegildo Anglada Camarasa
    • Josef Maria Auchentaller
    • Theodor Baierl
    • Aubrey Beardsley
    • Otto Berg
    • Albert Bloch
    • William H. Bradley
    • Hans Christiansen
    • Tivadar Kosztka Csontváry
    • Otto Eckmann
    • Ludwig Fahrenkrog
    • Jenny Fikentscher
    • Otto Friedrich
    • Hans Götzinger
    • Jacques Grüber
    • Hugo Hatzler
    • Hans Rudolph Hentschel
    • Theodor Herrmann
    • Ferdinand Hodler
    • Karl Huck
    • Nikolai Kalmakow
    • Gustav Klimt
    • Broncia Koller-Pinell
    • Max Kurzweil
    • Heinrich Lefler
    • Arnold Lyongrün
    • Franz Matsch
    • Paul Meissner
    • Mathieu Molitor
    • Carl Moll
    • Alfons Mucha
    • Manuel Orazi
    • Bernhard Pankok
    • Julius de Praetere
    • August Roth
    • Jean Rouppert
    • Joseph Sattler
    • Karl Schmoll von Eisenwerth
    • Alfred Soder
    • Edith Soterius von Sachsenheim
    • Hans Starcke
    • Kajetan Stefanowicz
    • Franz von Stuck
    • Jan Toorop
    • Heinrich Vogeler
    • Josef Rudolf Witzel
    • Michail Alexandrowitsch Wrubel

Jugendstil in der Literatur

Die künstlerische Bewegung lässt sich vor allem in der Architektur und der bildenden Kunst ausmachen. Dennoch beeinflusste der Stil auch Werke der Literatur und beeinflusste einzelne Arbeiten der verschiedenen Vertreter maßgeblich. Hierbei kann entweder aufgrund der äußeren Gestaltung eines Textes von einer Nähe zur Bewegung deutlich werden oder durch das Aufgreifen der wichtigsten Motive. Natürlich können hier auch beide Merkmale gleichzeitig vorliegen.

Dennoch muss festgehalten werden, dass die Stilrichtung wenige literarische Arbeiten hervorbrachte und auch kein größeres, umfangreiches Werk in diesen Jahren entstand, das durchgängig die Motive des Jugendstils verfolgte. Eher beeinflusste die Epoche die Lyrik und lässt sich in den anderen Gattungen kaum nachempfinden. Dennoch finden sich bei einigen Dichtern, wie etwa Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal und Richard Dehmel eindeutige Merkmale der Strömung.

Hierbei ging es vordergründig darum, die Schönheit des Lebens in der Literatur nachzuempfinden und das junge Leben hochzuschätzen sowie um ein Individuum, das nach Schönheit strebte und sich im Genuss ebendieser Schönheit verwirklichte. Die Ganzheit des Lebens, die durch die Industrialisierung gefährdet war, sollte in der Kunst auferstehen und zu einer harmonischen Lebenswelt erwachsen, in welcher Ding und Mensch in einem Strom miteinander verschmelzen. Folglich waren auch hierbei verwobene, ornamentale sowie florale Elemente häufige Mittel der harmonischen Gestaltung.

Dies lässt sich vor allem in den Literaturzeitschriften, wie etwa der Jugend, die der Epoche rückblickend und unfreiwillig ihren Namen gab, nachempfinden. So fasste der Verleger ebendieser Zeitschrift, Georg Hirth, das Ganze unter dem folgenden Satz zusammen:„Jugend ist Daseinsfreude, Genußfähigkeit, Hoffnung und Liebe, Glaube an die Menschen – Jugend ist Leben, ist Farbe, ist Form und Licht.“ Dieser Satz verdeutlicht recht anschaulich, worum es in Bezug auf die Literatur im Jugendstil ging.Titelbilder der Jugend

Bild: Verschiedene Titelseiten der Münchner Zeitschrift Jugend.


Die obenstehenden Bilder sind verschiedene Titelgestaltungen der Zeitschrift Jugend. Diese verweisen auf die eindeutige Verbindung aus geschriebenem Wort und der Malerei. Die Bilder zeigen sämtliche Merkmale der Malerei des Jugendstils, da sie florale und ornamentale Motive aufgreifen und darüber hinaus ein weiteres Hauptmotiv, die verführerische Frau, zeigen. Dennoch kann nicht ein beliebiges Gedicht aus der Zeitschrift entnommen werden und dann als Werk des Jugendstils gelten, da die Jugend zahlreiche verschiedene avangardistische, moderne Werke publizierte. Viel eher muss dabei nach den beschriebenen Motiven in der Literatur gesucht werden, um ein Werk rückblickend als Werk des Jugendstils zu klassifizieren. Ein Beispiel von Rainer Maria Rilke:


Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen -:

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehn, Flut um Flut;
während er unendlich still und sicher
immer mündiger und königlicher
und gelassener zu ziehn geruht.


Das obige Beispiel greift das das Lebensgefühl des Fin de Siècle auf: eine Übergangsstimmung (Wechsel vom 19. zum 20. Jhd., Wandel von einem agrarisch geprägten Land in einen modernen Industriestaat) und die damit verbundene Zukunftseuphorie, aber ebenso Zukunftsangst, was im Text dadurch deutlich wird, dass Dinge nicht greifbar sind und der Grund, auf dem man steht, nicht mehr gefasst werden kann.

Dieses allgemeine Gefühl wird mit dem Gang des Schwanes gleichgesetzt, der sich alltäglich in die fließenden Bewegungen des Wasser setzt. Der Schwan kann als Motiv des Jugendstils gewertet werden, so verdeutlicht allein die äußere Erscheinung (geschwungener Hals) das Ornamentale und Geschwungene, wobei auch die Wellenbewegung und der Gang des Tieres diese Bewegung aufgreifen.

Interessant ist hierbei, dass der Schwan königlicher und mündiger erscheint, wenn er den Wechsel vom festen Boden ins Bewegte durchläuft und dieses Unvertraute (Wellen) empfängt ihn dennoch sanft. Das Gedicht ist demzufolge nicht aufgrund der äußeren Form ein Werk des Jugendstils, greift aber einzelne Elemente dieser Zeit auf: Schönheit der Natur, Bewegung der Wellen, Aufbruchsstimmung und Wechsel zwischen zwei (mehreren) Zuständen/Situationen. Ein weiteres Beispiel von Otto Julius Bierbaum:


Entsagung

Fahl zieht der Strom in letzter Abendhelle,
Bald wird es Nacht und Alles Schweigen sein.
Nun kommt die Zeit, daß ich mein Glück bestelle,
Dies schwarze Aehrenfeld, dies Dein und Mein.

Das ist viel stiller, als das tiefste Schweigen
Und ist viel schwärzer als die tiefste Nacht;
Die hohen Halme beugen sich und neigen
Ehrfürchtig ihrer schweren Aehren Pracht.

Denn du bist dort. In deinem weißen Kleide,
Von dem ein Leuchten wie von Sternen weht
Und ein Gesang vom Rauschen deiner Seide,
Wenn leis dein Fuß durch diese Aehren geht.


Das obige Beispiel ist untypisch für Bierbaum, da es ungewohnt melancholisch erscheint. Dennoch vereint es einige der Epochenmerkmale. Auch hier wird ein Raum eröffnet, der einen Übergang zeigt: der Wechsel von Tag und Nacht, denn bald wird es Nacht […] sein und auch hier geht es nicht in erster Linie um den eigentlichen Inhalt, sondern um die Metaphorik, die Natur und schwungvolle Linien miteinander verbindet. Die Halme beugen sich, das Wehen, das Rauschen und darüber hinaus das Motiv der Frau, die (vielleicht) barfuß durch die Ähren geht, wobei ein Kontrast zwischen Weiß und Dunkel entsteht. Stilistisch wird dieses Bewegung durch den Kreuzreim (abab) und die Parallelismen nachempfunden.

Folglich wirkte sich die künstlerische Bewegung vor allem auf die Lyrik aus. Wesentlich sind hierbei mythologische, sagen– und märchenhafte Elemente sowie Symbolisches, Feierliches, Ungewöhnliches oder auch Motive, welche die Natur abbildeten, wie etwa Blumen und Tiere, aber auch schwungvolle Bewegungen und Dionysisches (~Rauschhaftes). Das Aufgreifen von märchenhaften, sagenhaften und eben auch mythologischen Inhalten und Themen erinnert teils an die literarische Epoche der Romantik.

Festzuhalten ist also, dass es kaum Werke gibt, die exemplarisch sämtliche Merkmale der Bewegung aufgreifen, aber doch einige lyrische Erzeugnisse der Zeit, die zahlreiche Motive, die eigentlich in der Kunst und Architektur verbreitet sind, literarisch verarbeiten. Weitere Vertreter, bei denen sich solche Arbeiten finden, sind etwa Ernst von Wolzogen, Richard Dehmel, Alfred Mombert, Eduard Stucken und zum Teil Stefan George, Oscar Wilde, Marie von Ebner-Eschenbach sowie Maurice Maeterlinck, aber auch Ricarda Huch oder sogar einzelne Arbeiten des eher expressionistischen Schriftstellers Georg Heym.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Epoche im Überblick

  • Als Jugendstil wird eine Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, welche sich vor allem um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert ausmachen und sich somit in etwa auf die Jahre zwischen 1896 bis 1920 datieren lässt. Demnach steht der Jugendstil unter dem Einfluss des Fin de Siècle, einer künstlerischen und kulturellen Bewegung, die sich in verschiedenen Stilen, wie etwa Symbolismus, Jugendstil oder auch Impressionismus und Ästhetizismus sowie ähnlichen avangardistischen Strömungen niederschlug.
  • Vordergründig werden mit dem Begriff bestimmte Ausprägungen in Architektur und Gestaltung bezeichnet, wobei sich die Epoche auch in Literatur und Kunst nachempfinden lässt. Wesentlich ist der Versuch, die Natur in der Kunst durch schwungvolle und florale Ornamente abzubilden.
  • In der Architektur finden sich folglich stets ornamentale, schwungvolle Linien, die die Fassade der Gebäude bestimmen. Wesentlich sind flächendeckende Ornamente, ein Hang zum Mythologischen sowie das Streben, dass Aufbau und Funktion eines Bauwerks von außen zu erkennen sein sollten und keiner übergeordneten Symmetrie folgen musste, wobei das Prinzip auch auf die Inneneinrichtung übertragen wurde. Diese sollte Kunst und Alltag verbinden und greift die typischen Motive der Zeit ebenso auf
  • In der Malerei werden ähnliche Motive verwendet. Sie stellt vordergründig die Natur und die Verbindung der Natur mit dem Menschen dar. Vertreter dieser Epoche strebten danach, eine Harmonie zwischen Kunst und Leben zu schaffen, wobei florale und natürliche Elemente mit dem Menschen verbunden wurden (häufig Frauen).
  • In der Literatur kann man zwischen inhaltlichen und äußerlichen Motiven des Jugendstils unterscheiden. Teils wurden Texte wie kleine ornamentale Schmuckstücke kreiert, die vor allem stilistisch das Schwungvolle und Harmonische der Bewegung aufgriffen. Darüber hinaus finden sich aber auch zahlreiche Werke, die vor allem mit den Symbolen und Motiven (Brunnen, Natur, Tiere, Übergang zwischen den Jahrhunderten etc.) spielen.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Jugendstil
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001